TABI: Verbeugung Fernost

Kann man mit Tanz die japanische Kultur vermitteln? B2B oder auch „Back to Basics“ vom „tanzhaus nrw“ bemühen sich in „Tabi“ um eine Annäherung.

Die Aufführung ist schon bei Betreten des Saals in vollem Gange: Die Tänzer*innen von B2B laufen die Stuhlreihen entlang und bieten den einströmenden Zuschauer*innen (offenbar japanische) Snacks an. Die kulturelle Annäherung beginnt – zunächst kulinarisch. Noch mit dem fremden Geschmack auf der Zunge wird die eigentliche Aufführung mit einem fulminantem Dreigespann aus Musik, Tanz und Videoprojektion eröffnet, was Erwartungen an einen Abend voller Sinnesreizungen schürt.

Vermittelndes Element ist der Film, der zu Beginn der Aufführung im Hintergrund projiziert wird. Dokumentarisch zeigt er Szenen aus dem Lernprozess der Jugendlichen, die sich mit der fremden Kultur auseinandergesetzt haben: Wie faltet man Origami? Wie funktioniert die Teezeremonie? Wie geht Kalligrafie? Es macht Spaß den Jugendlichen dabei zuzusehen, wie sie sich in ihrem (inter?-)kulturellen Rechercheprojekt der japanischen Kultur annähern.

Die tänzerischen Passagen sind präzise ausgearbeitet und dabei voller Elan – sowohl die Gruppenchoreografien als auch die Soli! Die ausdrucksstarken Tänzer*innen von „Tabi“ greifen dabei häufig typisch japanische Figuren und Rituale auf: In den Bewegungen erkennt man zum Beispiel Samurai oder Manga-Figuren. Es folgen pantomimisch angedeutete Teezeremonien und viele Verbeugungen voreinander. Diese und ähnliche Motive ziehen sich wiederholend durch die Aufführung. Die Musik, die den Tanz begleitet, beschwört atmosphärische Bilder und lässt Spannungsverhältnisse innerhalb der japanischen Kultur erahnen: Das „moderne Japan“ (computerspielartige Töne) steht dabei dem „alten Japan“ (traditionell-anmutende Instrumentalmusik) gegenüber.

Die Jugendlichen haben bei ihrer Recherche wahrscheinlich viel über die japanische Kultur gelernt – als  Zuschauerin wurde ich allerdings auf mein eigenes (begrenztes) Wissen zurückgeworfen. Ich frage mich: Muss ein Kulturprojekt, das offensiv ausstellt, zum Thema Japan gearbeitet zu haben, zwangsläufig den Auftrag der Vermittlung erfüllen? Jein. Ich wünsche mir jedenfalls, dass Kultur meine Sicht auf die Welt verändert oder wenigstens justiert. Ich weiß, dass man Kunst auch um ihrer selbst willen genießen kann – und dass es plump und flapsig sein kann, nach ihrer Funktion (oder einem Mehrwert) zu fragen. Was ich aus „Tabi“ mitnehme, ist, dass sich die im Stück tanzenden Jugendlichen der japanischen Kultur angenähert haben und dass sie Gelerntes im Tanz verarbeiten. Nur – reicht das? Mit welcher Funktion soll über eine fremde Kultur angeeignetes Wissen, an ein (weitestgehend unwissendes) Publikum weitergegeben werden? Dass in jedem Fall ein Bild Japans in den Köpfen des Publikums entsteht ist klar, nur – um was für ein Bild handelt es sich, soll es sich handeln? Gerne hätte ich weniger eine „Ausstellung“ typisch japanischer Bewegungsabläufe gesehen. Es bleibt eine Erinnerung an einen collagen-artigen Abend zurück, an dem ich den Tänzer*innen beim Falten von Origami, Teezeremonien und beim Kalligrafieren zugesehen habe. Das sind alles klassische – oder besser: klischeehafte -, landestypische Praktiken. Das Stück kratzt somit ein wenig an der „exotischen“ Oberfläche.

Eine größere Transparenz bezüglich der Recherche hätte mich interessiert. Der kurze Film konnte dies allein nicht leisten. Viele Fragen bleiben offen, zum Beispiel: Inwiefern hat die kulturelle Annäherung den Jugendlichen zu einem neuen Blick auf Japan verholfen? Es ist möglich, dass ich vom Tanz zu viel fordere – oder etwas, das er (allein) nicht leisten kann. Letztlich bleibt er nämlich auf die Ebene der Bewegungen begrenzt – die an diesem Abend ausgesprochen ausdrucksstark waren!

Foto: Dave Großmann