Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Reproduktion des Grauens

Schauspielerisches Höchstleistungen in einer Inszensierung ohne Aussage

Der erste Tote ist Anton, ein kleiner Junge, nicht älter als sieben Jahre. Er ist einer von vielen Flüchtlingen, die in den folgenden 50 Minuten der Reihe nach umfallen wie Schachfiguren. Am Ende sind alle tot, von Mehl bedeckt, durchnässt und blutverschmiert. Syrien – der Krieg im Menschen endet mit der Selbsttötung einer verzweifelten Mutter, die den Tod ihrer gesamten Familie mitansehen musste und danach kommt: nichts. Das Stück ist zu Ende, die Zuschauer gespalten in Begeisterte und entschiedene Gegner. Was ist hier geschehen?

Die Gruppe aus Hamburg läuft im Kreis, lässt sich an den Haaren umherzerren, beschimpfen und schlagen und steht schließlich halbnackt vor einem Erschießungskommando. Die Schauspieler leisten hier Großes, daran besteht kein Zweifel. Sie werden aber auch gedemütigt und sind der zunehmend ausufernden Gewalt auf der Bühne wehrlos ausgeliefert. Es wirkt, als wolle die Spielleitung möglichst viel vom menschlichen Leid zeigen, um Betroffenheit und Effekte zu erzeugen – und das auch auf Kosten der Darsteller.

Da ist es fraglich, ob es überhaupt einen Effekt hat, die Brutalität des Krieges so schonungslos auf die Bühne zu bringen. Ist dieses Stück mehr als eine bloße Reproduktion des Grauens, das Kriege mit sich bringen? Was darf Spielern und Publikum an Gewalt ohne Aussage zugemutet werden? Der Zuschauer fragt sich vor allem, ob sich diese Produktion wirklich mit dem Krieg in Syrien auseinandergesetzt und nicht einfach Gewalt ohne konkreten Bezug dargestellt hat. Im besten Fall regt dieses Stück zu Diskussionen an, im schlimmsten wird das Publikum allein gelassen.

Foto: Dave Großmann