Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Nachgestellt statt inszeniert

Eine Aufführung zwischen Kriegsspiel und Theater

Die Folterszenen, die Syrien – der Krieg im Menschen zeigt, müssen nicht beschrieben werden. Wir alle kennen sie aus den Abendnachrichten. Doch da werden sie zensiert. Das Ensemble der Stadtteilschule Blankenese hat sich in seiner Arbeit am Stück intensiv mit solchen Aufnahmen auseinandergesetzt. Zuletzt hat es deren unfassbare Dramaturgie schonungslos übernommen. Das Experiment, eine Realität abzubilden, die nicht verstanden werden kann, und so das Publikum wach zu rütteln, scheitert an seinem Schockeffekt und fehlender inhaltlicher Tiefe.

Im Gegensatz zum Video kann ich ein Schauspiel nicht anhalten, nicht ausschalten. Ich befinde mich in einem Raum mit der Handlung. Ich bin immer gleich betroffen von dem, was auf der Bühne stattfindet. Kann ich bei den Nachrichten noch sagen, dass Syrien weit weg ist, mich nicht betrifft, bin ich hier Teil des Geschehens, nicht nur Zuschauer. Wenn eine Theatergruppe Gewalt auf die Bühne bringt, dann zeigt sie nicht nur eine Folter, sondern führt ein Publikum vor, das dasitzt, nicht eingreift. Der Raum, den das Medium Schauspiel so eröffnet, wird von dieser Inszenierung nicht ausgefüllt. Das Publikum wird nicht einbezogen. Stattdessen findet eine Gewalt-Inszenierung statt, die so hermetisch und ungebrochen bleibt, dass sie einige der Zuschauer in Schock versetzt, einen Großteil nur verständnislos zurücklässt.

Wie können wir uns diesem Stück nähern, das die Gewalt im Bürgerkrieg derart eindringlich und mit so viel schauspielerischer Intensität nachstellt? Die Inszenierung verweigert es, das Gezeigte dem Zuschauer zu vermitteln. Es fehlt jeder inhaltliche Hintergrund. Statt Zugänge zu ermöglichen in die Komplexität des Krieges, gibt es eine stumpfe Ästhetik von Gut und Böse. Das Publikum wird sich selbst überlassen bei dem Versuch, die brutalen Bilder einzuordnen. Es gibt einen Rahmen, der aufzeigt, dass es sich nur um Schauspiel handelt, einige wenige gestalterische Elemente. Die Gewaltszenen fallen jedoch aus diesem Rahmen. Die Möglichkeiten der Darstellung werden bis ins Letzte ausgeschöpft. Alles wird nachgestellt, nur die Erschießungen müssen durch einen Schlag mit der Axt auf ein Holzbrett ersetzt werden. Es verschwimmt, was hier eigentlich den Zuschauer betroffen macht: die Realität hinter dem Stück oder die Gewalt, die tatsächlich auf der Bühne stattfindet? Die Inszenierung setzt auf die Lust des Zuschauers, sich Gewalt anzusehen und darüber schockiert zu sein. Mit Syrien hat das nur entfernt zu tun.

Im Gegensatz zum Schauspiel zwingt uns das Video einzusehen, dass die gezeigten Szenen real sind. Deshalb werden sie im Fernsehen zensiert. Und das ist gut so. Die wenigen Ausschnitte, die aus dem syrischen Bürgerkrieg gezeigt werden, erwirken tausendfach das, was im Stück nur eine exzessive Gewaltdarstellung vermag. Dabei verfügt das Medium Schauspiel über sehr viel wirkungsintensivere Mittel. Warum nicht die Jugendlichen zu Wort kommen lassen und zeigen, wie Syrien sie betrifft? Warum nur die eine Seite dieses Krieges zeigen? Es bleibt offen, warum diese Inszenierung das Potential seiner Darsteller nicht nutzt und Krieg spielt statt Theater.

Foto: Dave Großmann