Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Messe der Gewalt

Die Hamburger/innen von der Stadtteilschule Blankenese wollen erzählen von Syrien und verlieren sich in einer Beschwörung von Heiligkeit.

O Gottes Engel wehre, zu Beginn im Chor von der Rampe, die erste Predigt in dieser knapp einstündigen Messe der Gewalt. Wie liturgisch verfasst wirkt die Erzählung zweier syrischer Familien in seiner formalen Klarheit. In der Bühnenmitte das Schlachterbeil als ritualisierte Tötung, das Blut nachträglich wie Weihwasser gespritzt auf leblose Körper. Die Darsteller/innen mal seitlich aufgereiht, sitzend, stehend, mal an die hintere Bühnenwand gestellt, die Rücken zum Publikum, in klarer Raumspannung geometrisch angeordnet. An Requisiten und Bühnenbild ist kaum etwas, Mehl, Blut, Wasser müssen reichen, um die Geister der Gewalt zu beschwören. Die Körper mit allerhand vollgesudelt, die Waschungen vor dem Tod, wiederholte Gesten und Kreisgänge: Viel erinnert an Messe und Prozession. Gottesdienst auf der Theaterbühne. Hinrichtungen als Opfer, Prügel als Kasteiung.
Da wirkt Theater als Ritual, ist physische Durchlebung von eigentlich Ungreifbarem. Es ist die Geste des Wachrüttelnden, der im Theater auf etwas aufmerksam machen will, das sich andernorts tatsächlich zuspielen würde. Doch das tut es nicht, die Welt da draußen wird immer anders sein als die Erzählungen von ihr und Theater kann nur eigene Realitäten erschaffen. Das ist das Paradox des Gottesdienstes: Durch die Zeremonie wird die Hostie tatsächlich zum Leib Christi, so wie hier Trauer und Schmerz nicht als bloßes Abbild, sondern tatsächlich durchlitten wird. Doch ist erlebtes Leid keine notwendige Kategorie, um Krieg verstehen zu können, sogar die unwichtigste. Aber wahrscheinlich ging es weder um Syrien noch um Verstehen. Noch zum Schlussapplaus sind viele im Ensemble den Tränen nah. Das heraufbeschworene Leid steht in seiner Monstrosität unbehandelt im Raum, Ensemble und Publikum bleiben alleingelassen. Verdächtig, wer sich selbst den Anstrich des Beschwörers gibt.

Foto: Dave Großmann