Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Leid + Leid = mehr Leid

Warum es keinen Mehrwert hat, sich und anderen weh zu tun.

Das Theaterensemble der Stadtteilschule Blankenese unter Leitung von Nils Daniel Finckh fragt mit ihrem Stück Syrien – der Krieg im Menschen, wie man „dieses nicht selbst erlebte Grauen für das Theater umsetzen“ kann, das für sie Krieg bedeutet.

Das Grauen haben sie uns gezeigt: sinnloses Rumgemetzel, psychopathische Mörder, Kinder, die ihre Eltern verlieren, Eltern, die ihre Kinder verlieren, Mädchen, die vergewaltigt werden. Extremzustand, Trauma pur: So sehen die Blankenesener Krieg.

Dieses Grauen wurde von allen Ensemblemitgliedern schonungslos und unter Aufopferung aller Kräfte gespielt, gebrüllt und geweint. Was die DarstellerInnen da gestern emotional und schauspielerisch geleistet haben, war enorm. Es war beinahe zu nah dran, ich habe mir fast Sorgen um sie gemacht.

Das Zurschaustellen dieser unmenschlichen Grausamkeiten und Brutalitäten hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Mehrere ZuschauerInnen verlassen während des Stücks den Saal. Man kann kaum anders, als zu reagieren: mit Gansehäut, Unglauben, Tränen, Erschütterung. Aber ist das der Sinn der Sache? Jeden im Saal, von Publikum bis zu Darstellern, mit Betroffenheit zu überwältigen, uns alle zu zwingen, schreckliche Gefühle zu spüren? Ohne die Möglichkeit diese Gefühle anzuschauen und konstruktiv mit ihnen umzugehen?

Das menschliche Leid, das gezeigt wird, wird eben nur das: gezeigt. Das Grauen wird nicht für das Theater umgesetzt, sondern nur auf der Bühne abgebildet: Es gibt keine kommentierenden, reflektierenden oder erzählenden Stimmen – es wird keine Metaebene der Auseinandersetzung eröffnet. Es wird keine Geschichte erzählt, weder von bestimmten Menschen, noch von einem bestimmten Land. Denn die DarstellerInnen haben keine eigene Stimme; die Figuren sind stereotyp oder gar nicht gezeichnet, bleiben stumm. Die einzelnen inhaltlichen Aussagen, die getroffen werden, sind leere Phrasen, Gemeinplätze. Somit verliert das Stück jeglichen Bezug: Änderte man den Titel und ein paar Sätze, hätte es ein Stück über jeden anderen Krieg zu jeder anderen Zeit sein können.

Welchen Mehrwert haben all diese Verletzungen, denen ich schutzlos ausgeliefert bin? Leid bleibt Leid. Die Auseinandersetzung mit Schmerz kann konstruktiv sein, aber nicht das Leid an sich. Die DarstellerInnen haben sich gegenseitig weh getan und so auch uns, dem Publikum. Warum? Ist es nicht anmaßend, eine traumatisierende Erfahrung nachspüren zu wollen? Mit welchem Ziel? Weil Schmerz spannend ist? Aus Masochismus? Ist das nicht respektlos all jenen gegenüber, die ein solches Leid erleben müssen? Wünscht sich jemand, der ein solches Grauen erlebt, dass andere versuchen, es nachzuspüren? Mit welchem Ziel? So ist niemandem geholfen: Im besten Falle wird diese Überwältigung verarbeitet und vergessen, im schlimmsten Fall erzeugt sie Handlungsunfähigkeit. Man ist vor Betroffenheit gelähmt. Nach dem Stück höre ich von verschiedenen Leuten, dass sie nicht ausdrücken können, welchen Eindruck sie vom Stück haben, weil es zu „krass“ gewesen ist. Das halte ich für gefährlich. Denn so funktioniert Propaganda. Das ist Gefühlsdiktatur, kalkulierte Manipulation. Das ist kein produktiver Umgang mit dem Thema Syrien – der Krieg im Menschen.

Zurück zu dem Wunsch des Ensembles, etwas nachfühlen zu wollen. Jeder erwachsene Mensch kann für sich entscheiden, ob er traumatisierende Dinge spüren möchte; ob er sich – im weitesten Sinne – weh tun möchte. So hätte das Stück aber nicht im Jugendtheater stattfinden dürfen, sondern nur mit mündigen Erwachsenen. Denn Kinder entscheiden zu lassen, ob sie Mord und Totschlag, Krieg und Trauma reinszenieren wollen, ob sie sich Darstellungen von solcher Brutalität aussetzen wollen, ist unverantwortlich. Kinder können nicht selbst einschätzen, wodurch sie gefährdet werden. Deswegen tragen Erwachsene für sie Verantwortung. Im Jugendtheater sind dafür Pädagogen da.

Foto: Dave Großmann