Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Krieg ist nicht gleich Krieg

Von der Überforderung, ein Stück über den Konflikt in Syrien zu machen. Und den schwerwiegenden Folgen, die daraus entstehen.

Zwei Spielerinnen und ein Spieler stehen auf der linken Hälfte der Bühne. Zwei weitere Spieler liegen auf dem Boden. Sie sind Opfer des syrischen Konflikts. Die drei Kinder halten Abschiedsreden auf ihre Eltern. Der junge Spieler tut das auf Deutsch. Die zwei ausländisch aussehenden Spielerinnen auf Persisch, nicht auf Arabisch. Ich kann Arabisch verstehen, aber nicht Persisch. Das überwiegend deutsch sozialisierte Publikum kann den Unterschied dieser beiden Sprachen nicht hören. Es hört nur eine fremde, orientalische Sprache. Die Fremdheit soll die Authentizität steigern. Gleichzeitig wird aber auf Stereotype zurückgegriffen. Emotionalisierende Elemente werden verwendet, ohne dem Publikum die Chance zu geben, das Geschehen auf der Bühne, distanziert und rational zu betrachten. Es entstehen undifferenzierte Bilder von Tätern, Mitläufern und Opfern, die weder reflektiert auf der Bühne dargestellt, noch gebrochen werden.

Die Absurdität eines Krieges zeigt sich in einem lebbaren Alltag. In zwei Szenen wird Alltag angedeutet. Die Eltern spielen mit den Kindern “Erschießen”. Danach essen sie gemeinsam einen Apfel um die Wette. Es ist eine merkwürdige Darstellung von Alltag. Zudem geht sie im Laufe des Stückes unter. Auch die Situation im Klassenzimmer ist keine differenzierte Darstellung von Wirklichkeit auf der Bühne. Der Lehrer erzählt von seiner Überzeugung, nur Assad könne das Land retten, aber der Kontext dieser Szene besteht aus der Unterwanderung seiner Meinung: Durch die Phrasen, die er von sich gibt; durch das Verhalten seiner Schüler*innen; durch das Mädchen, das nach dem Mord an ihren Geschwistern in die Klasse tritt und dann als Lügnerin beschimpft wird. Die Regie degradiert und opfert den Lehrer schlussendlich für eine angebliche Katharsis, indem er von einem jungen arabisch aussehenden Mann ermordet wird. Dann greift er sich die Gitarre des Lehrers und fragt laut auf Arabisch: ‘’Was ist das? Eine Derbake [arabische Trommel]? Ein Telefon?’’, und hält sich die Gitarre ans Ohr. Es ist befremdlich, geradezu lächerlich, dass ein Mörder kurz nach seiner Tat mit einer Gitarre am Ohr spielt.

Für mich ist es eine politische Entscheidung, einen arabisch aussehenden Mann als einen dummen, primitiven Gewalttäter darzustellen. Ihn zusätzlich eine fremde Sprache sprechen zu lassen, heißt, ihn noch mehr zu verfremden. Es entsteht folgendes Konstrukt: In Syrien leben Psychopathen, die Frauen und Kinder ohne Grund foltern und missbrauchen, während wir tatenlos zusehen. Das mehrfach zitierte Gedicht (“Und ich begehr’ nicht schuld daran zu sein”) schließt für mich die Forderung nach einem Eingreifen von Außen in diesen Konflikt und damit eine westliche Sicht als Befreier ein. Dass dies eine zutiefst eurozentristische Perspektive ist und diese nicht gebrochen wird, zeigt sich auch in der Verallgemeinerung des angeblich dargestellten syrischen Konflikts.

Es wird nicht nur ausgeblendet, aus welcher Position die Darsteller*innen die Geschichten erzählen, sondern auch syrische Geschichte und der Kontext dieses Konflikts. Wo sind die Proteste? Wo sind die gläubigen Menschen? Wo ist die syrische Kultur? Hat Syrien keine Geschichte? Dass auf der Bühne nur “Assad” und “Morgen sind Wahlen” gesagt wird, ist keine Spezifizierung der Situation in Syrien. Man hätte auch ‘’Mubarak’’ und ‘’Morgen sind Wahlen’’ sagen können, aber es wäre eine politisch ganz andere Situation. Es wäre vermessen Syrien, mit Ägypten zu vergleichen. Dementsprechend ist es auch vermessen, die Ukraine mit Syrien zu vergleichen (“Wir denken mit unserer Arbeit auch an die Entwicklungen in der Ukraine.” – Zitat aus dem Programmheft). Die Darstellung von Krieg kann nur eine subjektiv-bruchhafte sein. Das, was ich gestern auf der Bühne gesehen habe, war weder ein differenziertes Bild vom Krieg, noch von Syrien, sondern Ausdruck von Überforderung.

Foto: Dave Großmann