Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Gewalt bleibt Gewalt

Den Krieg erfahrbar machen: Das war das Ziel von „Syrien – der Krieg im Menschen“. Fünfzig Minuten lang wurde das Publikum Zeuge von Gewalt und Misshandlung.

Schonungslos und brillant geschauspielert haben sich die jungen Leute auf der Bühne angebrüllt und geschlagen, sie haben geweint und geschrien. Ihre Botschaft: Syrien betrifft uns alle.

Doch was das Ensemble auf die Bühne gebracht hat, ist keine Darstellung von Gewalt. Es ist Gewalt. Mädchen werden herumgerissen und an die Wand gestellt, bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Sie werden mit kaltem Wasser bespritzt, wimmern und zittern minutenlang. Dann werden sie nach vorne gezerrt, an den Haaren gepackt, sollen sich gegenseitig schlagen. Natürlich haben die Schauspieler alles eingeprobt. Aber wer genau hinsieht, den beschleicht der Verdacht, dass die Jungs und Mädchen auf der Bühne sich wahrhaftig in die Situation hineinversetzen und wahrhaftig vom blanken Entsetzen geschüttelt werden. Beim Schlussapplaus: erschöpfte und verstörte Gesichter im Ensemble. Einer der jüngeren Schauspieler weint. Schon während der Aufführung haben einige Leute aus dem Publikum tränenverschmiert den Raum verlassen.

Der Beweis ist erbracht: Gewalt lässt sich auf der Bühne nachstellen. Aber zu welchem Preis? Gewalt ist eine körperliche Sprache, die sofort wirkt und sofort verletzt, egal, ob man sie als Theater verkauft oder nicht. Die teilweise minderjährigen Schauspieler haben sich echte Gewalt angetan. Mir stellen sich dabei zwei Fragen: Ist das verantwortbar, für die Spielleiter, für die Schauspieler selbst? Und wenn ja: Ist das wünschenswert?

Mit Gewalt auf Gewalt aufmerksam machen, das hat es schon gegeben: Selbstgeißelung als Ritual, um andere aufzuklären. Aber gibt es noch Aufklärungsbedarf darüber, wie schrecklich der Schrecken ist? Täglich erscheinen neue Videos im Internet und in den Nachrichten, die früher nie an die Öffentlichkeit gedrungen wären, Videos aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, der Ukraine. Die Öffentlichkeit weiß, wie schlimm die Gewalt ist. Warum sollten sich nun auch noch junge Schauspieler, die fern vom Krieg in Sicherheit leben, freiwillig echter Gewalt aussetzen – wo doch die tatsächlichen Opfer millionenfach aus ihrer Heimat fliehen, und gewiss niemandem ein annähernd ähnliches Schicksal wünschen?

Gewalt ist immer destruktiv, sie erzeugt keine produktiven oder kreativen Gedanken. Sich freiwillig Gewalt auszusetzen, bringt keine Diskussionen voran. Wer am Ende des Stücks erschüttert ist, hat nichts gelernt, sondern gelitten. Er hat nichts über Syrien im Besonderen erfahren, sondern er ist allgemein Zeuge von Grausamkeiten geworden, die überall dort passieren, wo Menschen gegeneinander kämpfen. Natürlich kann das Ausmaß der Gewalt auf der Bühne nie an das Ausmaß der Gewalt in Syrien heranreichen. Und doch: Das Ensemble betreibt seine eigene Traumatisierung und macht sich und das Publikum zum Opfer jener Verbrechen, vor denen „Syrien – der Krieg im Menschen“ eigentlich nur warnen möchte.

Foto: Dave Großmann