Syrien –
Der Krieg im Menschen:
Das Megaphon des Leids

Es wird höchst aktuell gemordet

Die spielerische Leistung ist immens; Leid und Schmerz kann nicht noch deutlicher ausgedrückt werden – sie haben den Raum voll und ganz gefüllt. Aber was ist mit der Inszenierung? In den vorderen Reihen schmecken die Zuschauer bald schon das Mehl, einige weinen, verlassen das Stück. Die Unmittelbarkeit der Gewalt dringt in Knochen und Geist. Es heißt, es gäbe nur eine Möglichkeit das Leid zu inszenieren. Wir Deutschen müssen das sehen.

Aber wir sind nicht im Krieg, wir müssen uns nicht im Blut unserer Geliebten wälzen, wir werden nicht von dem gesichtslosen Bösen ausgezogen und vergewaltigt. Aber in einer geradezu religiösen Reinigung müssen wir uns scheinbar in Katharsis reinwaschen, denn nur wenn wir es selbst spüren, können wir verstehen. Doch werden wir es vergessen, der Geschmack vom Mehl wird verschwinden und das ist die Tragik: „‘s ist Krieg (…)“ und niemand will Schuld dran haben. Gewalt ist ein singuläres Ereignis – es passiert und steht absolut für sich. Das Unmittelbarste wäre es sogar doch, die Zuschauer direkt zu schlagen, das Publikum auszuziehen. Wir müssen Leid doch nur verstehen, um zu helfen, wir müssen es nicht spüren. Mitleid ist keine Erkenntnis der Identität der Anderen als Leidende – es ist ein Affekt, eine emotionale Übertragung: als würde dich jemand auf den Boden schleudern.

Zur musikalische Untermalung wird eine Gitarre in die Hand genommen. Der Lehrer singt krächzend auf englisch durch das Megaphon der blutig verschmierten Szenerie; dazu lassen sie in einigen Passagen im Chor eine Melodie erklingen. Bei dem Tod ihrer Eltern fängt die Tochter ein Volkslied an und einige Klaviertöne leiten das Stück ein und beenden es. Das soll ein Kontrast zum dargebotenen Sterben sein, die Tragik erfassen: Es verbleibt aber nur eine Plattitüde, so wie die naiven Aussprüche der beiden Positionen im Stück, die versuchen, eine Differenziertheit und Aktualität des mehrdimensionalen Konflikts zu erfassen. Die ganze Auseinandersetzung besteht aus Rebellen sind nur Terroristen! vs. Wir haben keine Freiheit! – zwei Phrasen, die irgendwo kollidieren.

Die Familie ist glücklich, sie isst Äpfel und lacht – sie singen. Es sind keine Charaktere, es sind nur die Träger der Worte: Wir werden sterben und ihr werdet Mitleid haben. Die Charaktere, die ohne Charakter, ohne Kultur und ohne Identität auf der Bühne massakriert werden, sind nur da, um emotionale Reaktionen hervorzubringen. Es ist nicht die Gewalt auf der Bühne, die in Syrien stattfindet. Es ist die singuläre, meilenweit entfernte Gewalt, die unmittelbar auf die Zuschauer wirkt. Bloße Stimulation, unmögliche Simulation.

Das bedrohliche Zentrum der Szenerie ist ein Schlachtbrett, das immer und immer wieder benutzt wird. Alles führt unabwendbar zum Köpfen der Schauspieler: Die wilden Barbaren in Syrien werden sich alle selbst umbringen, wenn wir nicht sofort dort einmarschieren und helfen! Halten wir uns an den Händen und singen ein Lied. Peace.

Foto: Dave Großmann