„Stück02“:
Über die Mittel
der Unterdrückung

Hass, Gewalt, Auflehnung, Unterdrückung, Radikalisierung. Bei solchen Themen kann es sich nicht um eine nette, unschuldige Jugendproduktion handeln.

Was  passiert also, wenn sich Jugendliche mit diesen Themen auseinandersetzen, auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene? Es entsteht eine Inszenierung, die verstört, begeistert und verwirrt. Szenen bleiben im Kopf und beschäftigen einen den Rest des Abends. Wie sich ein anmutiges, berührendes Pas de deux, das tiefste Zuneigung widerspiegelt durch Druck der Außenwelt in das Horrorszenario einer Vergewaltigung wandelt, bringt das Publikum dazu, sich tief in die Sitze zu drücken und zu versuchen, sich dem Bild zu entziehen. Augen schließen ist aber keine Option, zu hoch ist die Energie auf der Bühne. Das Interesse daran, wie es weitergeht, nimmt nicht ab.

Denn anders als eine Stimme aus dem Off suggeriert, bedeutungslos ist das Geschehen auf der Bühne allemal nicht. Die Frage, was Menschen dazu treibt zu unterdrücken und sich anzupassen, ist im Gegenteil von hoher Aktualität. Besonders in Zeiten, in denen Radikalisierung Teil unseres Alltags ist.

Menschen werden eingedrängt, verprügelt, zum Schweigen gebracht, die Stimme aus dem Off bringt die Tänzer*innen dazu sich zu bekämpfen, sich aufzulehnen und daran zu scheitern.

Gewalt zieht sich durch die gesamte Inszenierung, als Mittel zur Unterdrückung, aber auch zur Auflehnung. Es schmerzt zuzusehen, wie die Jugendlichen sich untereinander bekämpfen. Unterdrückte werden zu Unterdrückern und Unterdrücker zu Unterdrückten, es zeigt sich, wie willkürlich solche Aktionen in Menschen hervorgerufen werden können. Wie viel Macht und Einfluss die Gruppe auf den einzelnen haben kann.

Die Jugendlichen sind tief in diese Thematik eingetaucht, das spürt man. In das vorgegebene Thema der Romanvorlage „Nichts: Was im Leben wichtig ist“ bringen sie starke persönliche Anteile, vor allem durch die unterschiedlichen eigenen Tanzstile, in der Masse und als Einzelpersonen.

Sie entwickeln eine Kraft und Ausstrahlung auf der Bühne, die beängstigend brutal und realistisch wirkt. Doch nicht nur die emotionale und persönliche Motivation hinter dem Gezeigten, sondern auch die hohe körperliche Präzision und Anstrengung führen zu dieser Reaktion. Das Stück ist genau durchchoreographiert und trotzdem gibt es Momente die nicht durchgeplant sein können. Die Gruppe nimmt immer wieder Kontakt mit dem Publikum auf, wodurch sich eine individuelle Energie ergibt.

Diese spontanen Elemente hätte die Inszenierung an einigen Stellen mehr gebraucht. Oftmals geht durch sich wiederholende Unterdrückungsstrukturen Spannung verloren, da sie sich als sehr vorhersehbar erweisen. Auch die selbsterzeugten Klänge verlieren an Wirkung, da auch dort schnell Muster erkennbar sind, die kaum gebrochen werden – und wenn doch, sind die Brüche zu vorhersehbar.

Trotzdem lässt das Stück einen nicht so schnell los und lässt das Publikum mit der Frage alleine: Was hat überhaupt Bedeutung?


Foto: Dave Großmann