„Stück02“:
Das Spiel um die Existenz

Beim Betreten des Raumes schon gleich eine Überraschung:

Die Bühne ist umstellt – die Performer*innen sind eingekesselt vom Publikum, das sich U-förmig um sie herum gruppieren darf. Das scheint sie jedoch keineswegs zu stören. Hochkonzentriert sitzen sie auf ihren weißen Klappstühlen. Wirken irgendwie sensibel und verletzbar. Und gleichzeitig äußerst selbstbewusst. Krafterfüllt. Nehmen den Raum auf wunderbare Weise mit ihrer Aura für sich ein. Sind präsent. Möchten im Hier und Jetzt sein. Existieren.

Doch warum eigentlich? Hat diese Bühne eigentlich eine Relevanz? Ist es wichtig zu sehen und gesehen zu werden? Trägt das Sein, das Leben überhaupt eine Bedeutung in sich?

„Nichts bedeutet irgendwas …“, hört man über das ganze „Stück02“ hinweg immer und immer wieder eine Stimme aus einem roten Lautsprecher ertönen und den Existenzwillen, die Daseinsberechtigung der Performer*innen in Frage zu stellen. „… Denn alles fängt nur an, um aufzuhören. In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist es mit allem.“

Aber die Tänzer*innen des ENSAMPLE Herne geben sich nicht geschlagen. Sie gehen nicht von der Bühne. Auch wenn die Stimme sie weiter und weiter drangsaliert. Ihnen die Lebenskraft rauben möchte. Sie stehen da. Unbeugsam. Versuchen Antworten zu finden. Argumente, welche die düstere Behauptung der Off-Stimme widerlegen könnten.

Beeindruckend ist, wie sie das tun. Sie schließen sich zum Kollektiv zusammen, erfinden ihre eigene Sprache, mit der sie sich dem Bösen widersetzen möchten, um sich ihre Daseinsberechtigung zurück zu erkämpfen. Es ist tatsächlich ein Kampf, den sie da austragen. Unter sich. Mit sich. Gegen sich. Manchmal auch gegeneinander. Wie sie dafür ihre Körperlichkeit einzusetzen wissen, mit welcher tänzerischen Virtuosität sie in den Widerstand treten und sogar bereit sind somatische wie psychische Grenzen zu überschreiten, sich in die völlige Erschöpfung zu tanzen, sich aufzureiben und gemeinsam daran zu wachsen – all das ist bemerkenswert. Jede*r einzelne*r von ihnen ist dabei auf eine ganz individuelle Art und Weise mutig und präsent – vielleicht wird das Publikum auch deswegen völlig ergriffen, sowohl in den ruhigen oder humorvollen wie auch in den gewaltigeren und gewaltvolleren Momenten.

„Das Ganze ist nichts weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob – und eben genau dabei der Beste zu sein“, meldet sich die Stimme zu Wort. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Tänzer*innen des ENSAMPLE verstehen es jedenfalls durch ihre enorme Aura auf der Bühne das Spiel des Lebens gekonnt zu spielen.


Foto: Dave Großmann