Stück01: Don’t resist the Kitsch

Am Anfang, ein Display in der Dunkelheit. Austanzen mit Kopfhörern. Eine Baukastenwelt. Kisten im Raum, Klötze an den Füßen. So lange auf der Stelle laufen, bis man irgendwo ankommt. Im ständigen Versuchen, im ständigen Scheitern, funktioniert plötzlich etwas.
Überrascht werden die eigenen Hände angeblickt, Handlungsmöglichkeiten begriffen.


Mit Stück01 eröffnet das ENSAMPLE aus Herne das diesjährige Tanztreffen der Jugend mit einer ambitionierten und emotionalen Performance. Technisch vielseitig und mit körperlichem Einsatz präsentiert die Gruppe ein gerahmtes, collagenartiges Stück zum Thema „Aufbruch“, voller Kampf, Mut, Unersättlichkeit und individuellem Aushandeln des eigenen Weges mit sich selbst und den anderen.

In den ersten Szenen bespielen die Darsteller*innen eine große Varietät an Metaphern und Handlungsweisen. Sie suchen Veränderung und scheuen sie. Sie stehen auf. 2 Augen, 2 Fäuste. Sie stellen sich auf die roten Getränkekästen, die über die Dauer des Abends das Bühnenbild ergeben. Ausbruch, Aufbruch, Ausblick. Sie bauen einen Turm. Die Kisten werden von einem zum anderen transportiert, einander zugestoßen. Erst rhythmisch, schnell, dann leise, behutsam. Das Errichten und Verschieben wirkt technisch, maschinell. Mit Zukunftsgenerator, Menschmotor.
Sie spielen an den Drehknöpfen der Geschwindigkeit. Immer wieder verlangsamen sie Bewegung oder beschleunigen, erkunden Variationen eines Prozesses.

Wenn die Musik beschleunigt, eindringlicher prasselt, arbeiten sich die Körper an ihren für uns unsichtbaren Zielen und Wegen ab. Scheitern glorreich, Scheitern laut und leidenschaftlich. Sie bilden Paare, halten einander, ziehen aneinander, rennen fort. Wohin?

Die Inszenierung ist gespickt mit schönen Details. Deutlich zeigt sich nicht nur das tänzerische, sondern auch das dramatische Talent, das in der Gruppe vorhanden ist.
Wenn sich mal eine reflexive Szene an die nächste reiht, dann ist es ihre außerordentliche Ausdruckskraft, welche die Eindringlichkeit von Stück01 produziert.

„Doch du hast dich nicht umgedreht.“ Durch das Stück ziehen sich Texte, die Struktur und persönliche Perspektive bieten. Die Narrative, die sie auffahren sind atmosphärisch stark, manchmal spielerisch. Unverstellt gelingt es immer wieder, Bekanntes ins Persönliche zu verweben, ein Höhepunkt dort das Aufzählspiel „Ich packe meinen Koffer“.
In die Geschichten sind immer wieder Klischees eingelassen, die einerseits die Narrative konzentrieren und fassbarer machen, doch gleichzeitig bagatellisieren sie auch. Durch die Verwendung des Klischees wird der Moment generischer. Und die Figuren auf der Bühne, deren Persönlichkeit sich nur manchmal in den Monologen aus der Masse erhebt, noch schemenhafter, beispielartiger. Die emotionalen Motive stehen frei im Raum, ohne sich mit der Erzählperspektive oder den einzelnen Persönlichkeiten verbinden zu können. Die Motive selbst werden so zur Geschichte, die unweigerlich einen schablonenhaften Charakter erhält.
Ein unerfülltes Du taucht in den Monologen auf, das kaum Eigenschaften erhält, sich nicht verkörperlicht, nur Fläche zum emotionalen Abarbeiten für die*den Sprechende*n bleibt. Die Gefühle spielen frei, Vergangenheit und Zukunft dürfen auf jeden anwendbare Mythen sein. Es könnte dir passieren oder mir.

Als ENSAMPLE am Ende Zuschauer*innen auf die Bühne holt, machen sie genau diese Beliebigkeit auf eine berührende Art und Weise erlebbar. Das Öffnen der Mauern wie der Bühne, die Risse gefüllt mit Licht, laden das Publikum ein, diesen Moment auf sich selbst anzuwenden, Erleichterung zu erfahren, Möglichkeit. Immer wieder blitzt möglicherweise politisches hindurch. Doch als tänzerische Einlage, synchron und reibungslos, verliert sich die nicht so einfach choreographisch zähmbare Realität der verwendeten Motive.
Die Musik, die Scheinwerfer und die Symbolik bilden eine potente Mischung an Emotionsantriebsmitteln. Die Klänge wirbeln Sehnsucht auf und dieses hoffnungsvolle große Ziehen, gefüllt mit Figuren, die mehr Einheiten von Potenzial sind als sich verwirklichende Charaktere, erinnert fast schon an die emotionalen Mechanismen eines aktuellen Musikvideos oder der Vodafonewerbung. Power to you. Man kann sich der Wirkung nicht verwehren, doch die Tiefe der Gefühle kommt ihrer Größe nicht hinterher.
Das Charisma der Tänzer*innen macht dieses Ende trotzdem gelungen und inspirierend: Gerne folgt man ihnen auf ihren Wegen über die Bühne, beobachtet die Erfahrungen, die sie machen, die Höhe die sie gewinnen, die Hände, die sie halten. Hinter den Mauern liegt der Aufbruch. Eine unspezifische Hoffnung überkommt das Publikum. Lächeln füllt die Gänge auf dem Weg nach draußen.


Foto: Dave Großmann