Stück01:
Aufbruch als Versprechen

Was bedeutet es, wenn man sich einem neuen Lebensabschnitt gegenüberstehen sieht?
In Stück01 stellt sich ENSAMPLE aus Herne dieser Frage und lässt im Publikum alle mit ihr verbundenen Emotionen auferstehen.


Am Anfang ist die Dunkelheit, die Ungewissheit mit sich bringt. Man verausgabt sich, vielleicht nur in Gedanken, wenn die Hoffnungen und Ängste des Zukünftigen sich anschleichen. So sieht sich auch das Publikum im Eröffnungsstück des 3. Tanztreffens der Jugend einem unbeleuchteten Bühnenraum gegenübersitzen, in dem sich die Stimme eines Ichs ausbreitet, das den Aufbruch eines ihm nahestehenden Du miterleben muss, während eine Tänzerin des Ensembles sich ekstatisch in ihrem eigenen Rhythmus bewegt. Nur schemenhaft erahnt der Zuschauer ihre Bewegungen und deren Geschwindigkeit, erkennt vielleicht die modernen weißen Kopfhörer, die sie trägt.  Das Aufbrechen ist ein Kampf, den jeder in sich selbst austrägt, scheint das Stück zu sagen. An der öffentlichen Außenseite zeigen sich die Symptome nicht.

Mit dem Licht kommt ein tragendes Element des Stückes ins Spiel: leere Bierkästen in der Signalfarbe Rot, mehr oder weniger undurchsichtig, je nachdem, welche Seite dem Publikum zugewandt steht. Die Arbeit mit diesen Kästen zieht sich durch das Stück wie ein roter Faden. Sie werden geworfen, mal laut, mal leise, dann gestapelt, über den Bühnenboden geschoben oder dienen als übergroße Legosteine, um die Erinnerung an reale Orte oder Dinge zu wecken. Ideen, Ziele, Entscheidungen, die mühsam aufgebaut wurden, werden von den Tänzer*innen wieder eingerissen, in ihrem eigenen quälend verkrampften Gelächter gefangen. Wann kommt man denn nun endlich da an, wo man hin wollte?

Das Ensemble von ENSAMPLE erschafft immer wieder neue Räume, um in ihnen durch die Bewegungen ihrer Körper Geschichten zu erzählen (oder sie mit unbändiger bis aggressiver Energie dem Publikum entgegen zu brüllen). Da geht es um Liebe, da geht es ums Loslassen, um den Wunsch, dass alles beim Alten bleiben möge, ums Versagen, ums Sich-Anpassen und dessen Unmöglichkeit und um den wiederholten, an Körper und Seele zehrenden Versuch, den richtigen Weg zu finden.

Auffällig sind dabei die stark ausgeprägten Schauspielelemente. Die Tänzer*innen setzen ihre Gesichtsmuskeln und ihre Stimmbänder genauso ein wie ihren restlichen Körper. Mal spiegelt sich ihre Begeisterung über den möglichen Neuanfang in ihrer Mimik wider, mal die Furcht davor, nicht anzukommen. Kaum anzusehen ist dem Ensemble hingegen die Anstrengung, die doch mit einem Stück dieser Länge einhergehen muss.

Schließlich steht da eine Mauer nah am vorderen Bühnenrand, die den Zuschauer*innen die Sicht auf die Tanzenden nimmt. Wie zu Beginn des Stückes bestehen ihre Bewegungen nur noch aus den Geräuschen, die sich aus ihren aufsetzenden Füßen ergeben, nun noch ergänzt durch das Spiel aus Schatten und Licht, das im Publikumsraum durch die Bierkästen hindurch wahrzunehmen ist.
Die Mauer ist eine Sackgasse, die aufgebrochen werden muss, um Licht in die Ausweglosigkeit der eigenen Zukunftsängste zu lassen. Vorsichtig tastend, beinahe zufällig, legen die Tänzer*innen mögliche Wege aus, bauen Rückzugsorte, gehen die so richtungsweisenden Entscheidungen endlich spielerisch an. Auf dieser optimistischen Note verklingt Stück01. Denn wer weiß schon, welcher der richtige Weg ist.


Foto: Dave Großmann