Stimmen die stimmen

Sprache ist Macht. Aus welcher Position wollen wir im Theater also sprechen?

Eine Gruppe spaziert durch die Stadt. Plötzlich kippt eine junge Frau unvermittelt nach vorne, fällt, bleibt am Boden liegen. Da läuft jemand Drittes auf die Gruppe zu, zerrt die junge Frau vom Boden hoch, wirft Blicke zur Gruppe hinüber – warum helfen sie nicht? Warum gehen sie einfach weiter? Was ist das für eine Behandlung?

Diese Situation habe ich während meiner Zeit in einer Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne Einschränkungen erlebt. Einige Passant*innen waren empört. Weil wir einen anscheinend hilfsbedürftigen Menschen sich selbst überließen, als Begleiter*innen unsere Aufsichtspflicht und moralische Verantwortung verletzten.
Wir hatten uns vergewissert, dass sich die gestürzte Frau – nennen wir sie Céline – nicht verletzt hatte. Wir wussten, dass es keiner ihrer neurologische Ausfälle, keine epileptische Absenz war, sondern ein kontrollierter Versuch, unsere Aufmerksamkeit zu erhalten. Ein lange einstudierter, zugegebenermaßen beeindruckend lebensechter Stunt.

Wir wussten auch, dass sie Knieschützer trug, um Verletzungen vorzubeugen. Und hatten abgesprochen, die gespielten Stürze nicht durch Sorge und Zuwendung zu fördern – um dazu beizutragen, dass sie stressige Situationen irgendwann anders, weniger selbstschädigend lösen würde.
Doch all diese Dinge wussten die Passant*innen nicht. Sie sahen nur einen Menschen mit Beeinträchtigung, der fiel und keine Hilfe bekam.

Genauso geht es uns im Alltag, wenn auch in weniger dramatischer Form. Unser Sprechen, die Art und Weise, wie wir uns ausdrücken, kann je nach Kontext und für Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Vorwissen sehr unterschiedlich wirken. Was für mich ein altbekannter und vor allem harmloser Versuch von Céline war, die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich zu lenken, kam für andere einem Affront gleich.

Beim Sprechen in heterogenen Kontexten sollten wir unsere Position also verstärkt transparent machen. Aus welchen Kontexten kommen wir und in welche Kontexte wollen wir unsere Aussagen transportieren? Wir können Missverständnisse vermeiden, indem wir vorangegangene Ereignisse und Entscheidungen kommunizieren und die Zuhörenden möglichst dort abholen, wo sie sich befinden. Denn in verschiedenen Kontexten können Worte sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Wenn wir in Austausch treten, kann es hilfreich sein, sich Zeit zu nehmen und zu erklären, was genau womit gemeint ist, um so einen gemeinsamen Rahmen zu etablieren.

In der Kulturpoetik zum Beispiel, spricht man von Kultur “lesen”. Wenn in diesem Kontext gesagt wird “Ich lese Theater”, dann heißt das nicht, dass ich ein Theaterstück wirklich in Textform lese, sondern dass ich eine Aufführung analysiere. Wenn in Gender Studies “als männlich/weiblich gelesen werden” gesagt wird, dann heißt das, dass eine Person von ihrer Umwelt als Mann/Frau angesehen wird. Das Wort “lesen” hat somit verschiedenste Bedeutungen, je nachdem in welchen Kontexten wir uns bewegen.

Wir müssen uns also unserer eigenen Position bewusst werden. Einerseits müssen wir darauf achten, wie wir was sagen. Und uns andererseits fragen: Worüber können wir Aussagen treffen? Können wir zum Beispiel über das Leben von Migrant*innen sprechen, wenn das nicht unsere Perspektive ist? Können wir über die Erfahrungen elternloser Kinder sprechen, wenn wir unsere Eltern jederzeit besuchen können?

Ja, können wir – zumindest theoretisch. Aber zum einen muss dann die eigene Position sichtbar gemacht werden. Zum anderen sollte das eigene Blickfeld erweitert werden, indem man den Kontakt mit Menschen sucht, die diese Perspektiven haben. Man sollte also deutlich machen, dass eine Fiktion gezeigt wird – zum Beispiel die Fiktion von “dem niederbayerischen Dorf” – dass mit einer Schablone, einem Stereotyp gearbeitet wird. Oder aber man tritt in Austausch mit Menschen, die aus der entsprechenden Perspektive berichten können, die entsprechende Brille besitzen.

Wir können also, aber müssen wir das überhaupt? Kann die Stimme nicht einfach bei Menschen bleiben, die schon aus dieser Perspektive sprechen? Warum sprechen wir überhaupt für andere?

Das heißt nicht, dass wir nie über fremde Positionen sprechen dürfen. Es bedeutet, dass wir uns all diese Fragen stellen sollten. Wir müssen reflektieren. Über uns und andere. Es geht dabei nicht nur um Authentizität – es geht um Repräsentation. Wenn nur Menschen zur Sprache kommen, die ihre Perspektive auf einen ihnen unbekannten Sachverhalt geben, dann kann aus Repräsentation schnell Reproduktion von Klischees werden.

Lea und Sophie