Stilgymnastik

Wir sprechen hier ja viel, wir diskutieren, wir suchen Wörter, um Wörter und ihre Wirkung zu beschreiben. Dabei einigen wir uns auf Begriffe, die scheinbar alle gleich verstehen, die aber abstrakt oder seltsam sein können oder unterschiedlich definiert. Ich bin mit einer Liste solcher Begriffe durch das Festspielhaus gewandert und habe darüber diskutiert, was sie bedeuten könnten.

 

Heute: Stil

Mit: Rudi Nuss

Preisträger beim tja 2013 und 2015, Juror, Workshopleiter

 

Wir schütten ein abstraktes Wort mit mehr abstrakten Wörtern zu: Stil, überlegt Rudi, sind sehr, sehr viele Entscheidungen, die sich agglomerieren, ein Entwurf, von Sprache, Formulierung und Konzepten.

Bei Wörtern wie agglomerieren fallen immer graphische Bilder in meinen Kopf, hier ist es eine Herde dunkelorangene Punkte, die sich verloren in einem weißen Raum eilig zusammenscharen und übereinanderstapeln, sich eben agglomerieren. Die Punkte sind in Rudis erster Definition also Entscheidungen, und Stil ist eine Herde von Entscheidungen, die sich in einem weißen Raum übereinanderstapeln.

Entscheidungen, die organisch werden, überlegt Rudi weiter, das ist Stil. Viel körperlicher jetzt. Also setzt man sich mit Entscheidungen einen Schreibkörper zusammen, der sich dann selbstverständlich anfühlt, und mein Stil sind dann die Möglichkeiten dieses Schreibkörpers. Wahrscheinlich entsteht mein Stil dann auch durch Einschränkungen, die ich normalerweise gar nicht hinterfrage. So wie ich selten darüber nachdenke, dass ich die Beine meines realen Körpers nicht hinter dem Kopf verschränken kann. Aber mir fällt auch normalerweise gar nicht auf, dass ich das wollen könnte. Stil ist, was ich wollen kann mit Sprache.

Entscheidungen, die mir einfallen: Wie baue ich meine Sätze, lang, kurz, unauffällig oder exzentrisch; wo fordere ich von mir selbst die größte Präzision – beim Klang oder bei der Definition von Begriffen oder bei meinen Adjektiven; apropos Adjektive: welche Wörter und Wortarten verwende ich am liebsten, welche gar nicht. Und mehr Entscheidungen: Wieviel Bewegung gibt es in meinem Text und entsteht sie durch überraschende Beschreibungen, durch eine spannende Handlung, durch Witze und durch welche Art von Witzen.

Aus diesen Entscheidungen, wenn ich sie immer wieder treffe, wird dann mein Schreibkörper, und dann lerne ich weiter was er für Möglichkeiten hat: Ach, so kann ich diese Beschreibung dehnen und Achtung, dass ich mir nicht wieder meinen Spannungsbogen breche.

Kann man Stil nachahmen? Mathematisch unmöglich, antwortet Rudi. Man müsste ja die gesamte Person imitieren, die Dringlichkeit in einem selbst, wie man sich sprachlich ausdrücken will. Was heißt nun wieder Dringlichkeit? Zum Weiterdenken empfiehlt Rudi den Vortrag „Why one story and not another“ von Siri Hustvedt.