Stand by your
Jugendtheaterfestival

Die Abschiedsveranstaltung für die scheidende TTJ-Chefin Barbara T. Pohle.

Dieses Jahr, erzählt Barbara T. Pohle am Ende des Abends, hat sie zum ersten Mal im Theater ihr Handy angelassen. Das hat sie selbst überrascht, aber einmal ist eben immer das erste Mal. Oder das letzte. Dieses Theatertreffen der Jugend, das Dreißigste, ist das letzte, das unter Barbara Pohles Leitung stattfindet (schon teilt sie sich den Job mit der von ihr ausgewählten zukünftigen Chefin Christina Schulz). Ein wichtiger, ein traurigschöner Grund, Glück zu wünschen, zurückzublicken.

Es ist eine Zeitreise. Auf der kleinen Bühne des Theaters unterm Dach ließen die Moderatoren Martin Frank und Simone Neubauer die Jahre durchlaufen, von 1980 bis 2009, von der Einführung des Zauberwürfels in Deutschland bis zur Hertie-Pleite. Was alles passiert ist in der ganzen Zeit! Nur noch ein paar Beispiele. 1981: Gründung des Chaos Computer Clubs. 1984: erste E-Mail. 1990: Karl-Marx-Stadt heißt jetzt Chemnitz. 1991: Ötzi wird gefunden. 1993: die fünfstelligen Postleitzahlen werden eingeführt. 1998: Einführung des Euro wird beschlossen. 2001: erster iPod – der 11. September wird interessanterweise nicht erwähnt.

Aber das ist alles Weltgeschehen. Viel wichtiger sind die Freundinnen und Weggefährten aus 30 Jahren Jugendtheater, die nacheinander auf die Bühne kamen, jeder zuständig für ein Jahr, jeder mit 30 Sekunden Zeit, na ja, vielleicht auch einer Minute, je nachdem. Die sich bedanken, die Anekdoten erzählen und Lieder singen, Pfingstrosen überreichen, Barbara umarmen, sie küssen und beschenken.

Im Laufe der Bühnenjahre wird Barbara T. Pohle zur „Mutter für alles“ erklärt, als Strippenzieherin und lächelnde Sphinx, die zwar nie etwas zum Jugendtheater sagt, es aber mit aller Kraft fördert. Sie wird zur Oberehrensulzbacherin erklärt, auch an anderer Stelle heißt es: „Wir Bayern, wir danken dir!“ Aus einer alten Produktion wird zitiert: „Sie war ein Mädchen voller Güte / und naschen tat sie auch sehr gern“ – passend dazu bekommt sie später eine handgefertigte Marzipanrose – isteineroseisteinerose – überreicht.

Soll man jetzt Namen nennen? Karlheinz Frankl ist der erste, mit Jutetasche in der Hand erzählt er von der schwierigen Anreise seiner Gruppe zum ersten Schultheatertreffen 1980. Den Abschluss macht Julia Gräfner, mit einem Schritt wird sie zur großen, gewaltigen Gertrud, ihrer Königin aus dem Schweriner „Hamlet“, der vergangenes Jahr zum TTJ eingeladen war: „Mir dringen diese Worte ins Ohr wie Dolche!“

So viele zwischendurch. Blick auf die Liste: Mariya Kozachenko, Günter Frenzel, Edgar Wilhelm per verlesener E-Mail, Thomas Lang, Ilka Cordula Felcht, Winfried Steinl. Die alte Gefährtin Emilia Schroeter, die Barbara lange umarmt. Henrik Adler, Karl Heinz Wenzel („TTJ ohne Pohle ist wie Hafen ohne Mole“). Die mittlerweile mit der Gruppe She She Pop erfolgreiche Performerin Mieke Matzke, Christel Hoffmann, Klaus Belz, Martin Frank, der von Barbara gelernt hat, dass die „Jugendlichen wichtiger sind als alle VIPs der Welt zusammen.“

Weiter: Renate Breitig aus dem Kuratorium. Marco Trochelmann, der auf indischen Spezialkochtöpfen ein Ständchen trommelt. Gudrun Bahrmann, Sebastian Stolz, Ulrike Hatzer und der Dramatiker Thomas Freyer, in einer wunderbaren Drei-Personen-Szene, die über drei Jahresabschnitte verteilt erklärt, warum Barbara T. Pohle erstens gebürtige Geraerin ist und dass zweiten ihr Mittelinitial für „Theaterfabrik Gera“ steht. Das „Theater“ glaubt man ihnen sofort.

Dann die Lübeckerin Marlies Jeske mit der Marzipanrose. Der Musiker Elis mit Gitarre, der witzig antäuscht, dann aber zart und nachdenklich singt, nur kurz, aber es sind ja auch nur 30 Sekunden Zeit. Die Juroren Michael Stieleke und Sepp Meißner, letzterer mit einer „Kratzbürste“ aus Draht, um den „Lack aus Unechtem und Falschem“ abzukratzen. Carmen Waack, die Barbara ein auf der Bühne eingeweihtes Waschbrett schenkt – und Jungjuror Charles Morillon, der im vergangenen Jahr noch in dem Magdeburger Stück „Kinder zur Sonne“ auf der Wabe-Bühne stand.

Zwischendrin in diesem bunten, lustigen, melancholischen, zum Lachen und Heulen schönen Abend deutet der Hersfelder Spielleiter Klaus Riedel – nach Lektüre eines alten FZ-Interviews mit Barbara – ihre Vorliebe für Interrogativpronomen aus. Die haben nämlich laut Duden „auswählende Bedeutung“. Und Riedel sagt voraus, dass die kommenden Jahre ohne TTJ, in denen Barbara sich in ihrem neuen Wohnort Frankfurt anderen Dingen widmen wird, „im Zeichen des Possessivpronomens“ stehen werden.

Nicht, dass Barbara T. “heatertreffen der Jugend“ Pohle nicht immer im Vollbesitz ihres Lebens, ihrer Umgebung, ihrer Menschen, ihres Festivals gewesen wäre. Starke Frau, die sie ist. Im Laufe des Abends wurde ihr „viel Kraft für die Entzugserscheinungen in der ab jetzt TTJ-freien Zeit“ gewünscht. Barbara wird diese Kraft haben, da sind wir nicht Bange. Sie bleibt auf Empfang. Ihr Handy bleibt an.