„Staat, das ist
kein schönes Wort.“

Auftakt, Tabula rasa, Stillstand, nein, oder, Allgemeinsamkeit. Ist die Parallele zwischen diesen Wörtern offensichtlich, fragen sich die Teilnehmer*innen des Treffens junger Autoren. Alle sind Assoziationen zum Wort Revolution, entstanden im Workshop Poesie und Revolution unter der Leitung von Katharina Bauer und Daniela Seel. Stundenlang wurde sich hier damit auseinander gesetzt, ob Revolution in der Sprache passieren kann, muss und ob sich diese in die Außenwelt übersetzen lässt.


Ist Poesie an sich revolutionär?

Ob Poesie an sich revolutionär ist, war eine der ersten und größten Fragen, die in roten Lettern auf ein Miniplakat geschrieben wurden. Wo fängt man da an, als Poet, bei der gefühlten Wahrheit oder bei den zwickenden Gegenbeispielen? Die natürlich geduldig an allen Ecken der Literaturgeschichte kauern. Bei mir, bei dir, bei uns, oder gleich bei allen, diesen Massen, die unserer Generation noch nie unter die Augen getreten sind.

Es ist schwer, diese Frage mit ja zu beantworten. Denn Poesie ist auch das Versmaß, das den Alltag in uns marschieren lässt, ihn immer wieder neu inszeniert und uns von Fragen und Taten ablenkt, sie ist Dekoration, sie ist eine sichere Decke vertrauter Gedanken, Flucht vor der Welt ins Individuelle, war oft ein Loblied auf die Mächtigen, Rückschritt mit erhobenen Fackeln beschwörender Worte.

Leider scheint es sich oft gerade an der Kunst zu zeigen, dass etwas an sich wohl nicht revolutionär sein kann. Das wäre auch zu einfach, zu konsumierbar, man könnte in den Supermarkt gehen, Revolutionäres einkaufen oder zumindest jeden Tag am Schreibtisch die Feder mit gutem Gewissen ins Revolutionäre tauchen und einfach unverkrampft drauflos schreiben. Das Revolutionäre ist vielmehr ein Akt, eine Bewegung, selbst im gedanklichen Sinne. Eben nicht A oder B, sondern die Beziehung zwischen beidem. Entzieht man einem Ding diese Bewegung, entzieht man ihm seinen Kontext, so entzieht man ihm seine Funktion. Als revolutionär wird etwas durch seinen Kontext eingeordnet, die Beziehung, die es zu der Welt einnimmt, die es vorfindet.


Die Sprache dem Kontext entziehen

Und doch, da ist dieses Wort: Stillstand. Da ist die Idee der Verweigerung immer wieder in der Diskussion.
Es scheint Sehnsucht nach ihr zu geben. Sehnsucht nach einem Nullpunkt, nach dem reinen Tisch. Dann könnte man vielleicht anfangen nachzudenken, wie man ihn decken würde, welche Worte, welche gemeinsamen Lebensformen. In den Gesichtern der Teilnehmer*innen scheint Müdigkeit hervor, ihre Stimmen sind zunächst unaufgeregt, ihre Fragen distanziert.

Leonard Schwob sagt: „Lyrik ist revolutionär in ihrer Funktionslosigkeit.“  Und es ist ein schöner, revolutionärer Gedanke, der sich da langsam entblättert in der Runde. Zwischen all den Aktivitäten denen man sich so hingibt, die auf etwas abzielen, die Hebel der Zukunft und der Gegenwart darstellen, darf Lyrik ohne Erwartung für sich stehen.

Als die ersten im Workshop entstanden Gedichte vorgelesen werden, zeigt sich eine klare Tendenz zur individuellen Auslegung des Themas. Die Ich-Erzähler sprechen viel von sich, manchmal von dir, das „wir“ bleibt meist draußen. Der Zweifel und die negativen Auswirkungen des Umbruchs wie des Stillstands auf den Einzelnen werden gespiegelt. Es scheint kein Vor und kein Zurück zu geben. Was ist zwischen Brecht und heute passiert, dass das „Wir“ so unmodern ist?

Auch scheint das Schreiben über aktuelle politische Themen eher unbeliebt. Einerseits ist da der sprachliche Aspekt, es erscheint unästhetisch, Pegida oder den Überwachungsstaat in seine Texte einfließen zu lassen. Schnell wendet sich der Fokus auch auf das Internet, auf Facebook, auf die Hauptspielstätten des gemeinsamen Erlebens von Unglücken. Die Masse der Informationen, die wir abrufen können mit der Mühe einer Fingerspitze, erdrückt. Erdrückt auch den Schreibenden in seinem Ringkampf um Authentizität. Hungernde Kinder in Afrika sind der lyrische Tod, heißt es da. Man ist sowieso zu abgestumpft, um ein ehrliches, gutes Gedicht über die Flüchtlingskrise zu schreiben. Über die eigene Abstumpfung zu schreiben, ist zu selbstbezogen. Wer über Utopien schreibt, sitzt mindestens am Rande des Pathetischen. Es scheint: Kritik ist zu pathetisch, Hoffnung ist zu pathetisch, überhaupt etwas, das so von entleertem Meinungsmüll überflutet wird wie das Politische, dessen Repertoire an Sprache Tag für Tag abgedroschener wird, das gehört nicht in die Lyrik.


Den Kontext zurückerobern

All diese Informationen, die uns zu Fingern liegen und uns unter den Fingernägeln jucken, haben viel zur allgemeinen Aufklärung und zur Demokratisierung der Bildung beigetragen. Gleichzeitig täuschen sie aber auch –  sie vermitteln uns das Gefühl, einen guten Überblick zu besitzen über die Geschichte und über die Möglichkeiten, die sich aus ihr ergeben. Da sind sie, diese Gefühle der Leere, die man in ihrer Klischeehaftigkeit schon gar nicht mehr zu verwenden wagt. Details verschwinden zwischen Informationen mit höherer Priorität und leicht lässt es sich dabei vergessen, dass eine Information mit hoher Priorität, ein Fakt, aus vielen Details zusammengefasst wurde. Doch wer fasst zusammen? Mehr als alle anderen Zweige der Sprache sind es die Dichter. Jedes Gedicht enthält konzentrierte Ideen. Kristallisiert ein Stück Realität an der eigenen Erfahrung, dem eigenen Bewusstsein. Wenn wir durch Lyrik kommunizieren, kommunizieren wir gleichzeitig immer auch Welt(anschauung)en.

„Wir sind ganz schöne Feiglinge“, sagt Jason Bartsch. Wenn wir nicht über Missstände schreiben, dann, weil diese nicht zu unseren unmittelbaren Erfahrungen gehören. Was man nicht erfahren hat, auf irgendeine Weise, über das kann man nichts sagen, nichts denken, und was man nicht intensiv erfährt, über das kann man keine Lyrik schreiben. Erfahrung kann verschiedene Formen annehmen, man kann recherchieren, in Dialog treten mit anderen, mit Teilhabenden, mit Betroffenen, mit sich selbst und den Missständen, den Vorstellungen dieser Gesellschaft, die man verinnerlicht hat.

Lyrik kann emotional revolutionieren. Man kann aber auch mit ihr aus sich selbst heraustreten. Zum Beispiel, wenn man diese oben genannten Erfahrungen in seiner Lyrik in einen Kontext setzt und ein Statement wagt. Wenn man Verantwortung übernimmt für seine Position in der Gesellschaft und sie laut macht. Und auch die Angst vor eigener Unzulänglichkeit in den Mülleimer zu schmeißen hat durchaus etwas Revolutionäres. Was ist das Problem dabei, die Dinge beim Namen zu nennen? Ist es nicht möglich, explizit zu sein ohne Klischees? Was macht ein Wort schön? Können nicht wir selbst die sein, die Schönheit konstruieren. Die, die Welt übersetzen und konstruieren mit und in Lyrik. Und da anpacken, wo es wichtig ist, mit der Sprache.


Poesie kann alles sein

Revolution ist sinnlich. Revolution ist nicht nur konkret: und dann ist sie genau das. Das Objektiv scharf stellen dahin, wo vorher nur undefinierbare Unruhe und Unbehagen waren. Poesie kann alles sein, und somit auch das. Somit auch Revolution. Revolutionäre Lyrik findet man, wenn man es locker nimmt mit dem Begriff, überall. Man sprengt Sprachformate, Ideale, Realität. Gerade dafür braucht man sie auch: als Umgangsmittel mit der Wirklichkeit, dass sie diese Wirklichkeit nicht unverändert lässt, sondern auf sie zurück wirkt. Durch uns. Ob Lyrik revolutionär ist, ist also vielleicht noch keine ausreichende Frage. Die Fragen, die sich viel mehr stellen sind: Revolutionär für wen oder was? Und wohin?


Foto: Dave Großmann