Spur der Qualität

Jurysprecher Martin Frank über ein erwachseneres Festival, Lehrer-Schüler-WGs, die Arbeit in der Jury und Auswahlkriterien fürs ttj.

Martin, wie lange bist du inzwischen beim ttj in der Jury?

Ich glaub, ’95 war ich das erste Mal dabei. Ich bin nicht ganz sicher. Es ist dieses Plakat, wo der Kopf drauf ist.

Wie hat sich das ttj seitdem in deiner Wahrnehmung verändert?

Es ist mir inzwischen vertrauter. Es ist für mich ein Stück Theaterheimat geworden. Ich meine zu wissen, was es kann, und ich nehme es anders wahr als früher. Ich glaube, ich mute den Gruppen schneller mehr zu. Ich weiß, was für ein Potential und was für eine künstlerische Belastbarkeit sie haben.
Was sich verändert hat, ist, dass der Schuldruck immer mehr aufs Festival wirkt. Pisa spürt man auch hier. Da ist das Abitur, die Lehrpläne verdichten sich, die Lehrer haben weniger Zeit, Theater zu machen. Früher hast du hier Lehrer getroffen, die haben mit ihren Klassen in WGs gewohnt, um Theater zu spielen. Undenkbar heute. Das Verhältnis von Lehrern und ausgebildeten Theaterpädagogen in der freien Szene verschiebt sich. Bei den Lehrern und auch bei den Jugendlichen lässt die Motivation nach. Es ist ein bisschen unsexy, Theater zu machen.
Aber ich will nicht klagen. Das Theater ist auch, wie ich finde, im Ästhetischen viel selbstbewusster geworden. Es laufen heute Produktionen in diesem Wettbewerbsbereich, die wären vor 15 Jahren ganz anders angeeckt. Die ganzen postdramatischen Stoffe zum Beispiel. Früher war das ein richtiger Kampfplatz: Darf man Stücke so zertrümmern im Schultheater? Dieses Festival ist viel erwachsener geworden.

Gibt es etwas, das dich besonders stolz macht?

Dass man oft den richtigen Menschen vertraut hat. Man hat hier Gruppen ausgewählt, Menschen in die Jury gezogen, in die Zeitung geholt, deren ganze Biographie sich verändert hat, die beruflich im künstlerischen Bereich tätig geworden sind. Es gibt viele, von denen ich weiß, die sind hierher gekommen und dann ist ihr Leben anders weiter verlaufen. Und einer von ihnen bin ich.

Wir haben darüber gesprochen, wie die Leute hierher finden. Wie setzt sich die Jury genau zusammen?

Über dem ganzen Festival wacht ein Kuratorium, das vom Ministerium beauftragt wird. Dieses Kuratorium legt Wert darauf, dass immer neue Juroren den Wettbewerb entscheiden, und tauscht die Juroren etwa alle drei bis fünf Jahre aus. Zusätzlich haben wir Jungjuroren hier. Die werden danach ausgesucht, wie sie uns in ihrer Kommunikations- und Beschreibungsfähigkeit auffallen. So ist diese Jury ständig im Wandel, es werden durch Interessensvertreter verschiedenste Theaterströmungen repräsentiert.
Trotzdem wird uns oft vorgeworfen, das ttj wäre ein Insider-Festival und es würden immer die gleichen Namen auftauchen. Aber das stimmt nicht. Das ist die Spur der Qualität.

Und wie stößt die Jury auf diese Qualität? Wie kommt die Auswahl zustande?

Man schickt eine Bewerbung und eine DVD ein. Diese wird von drei Juroren gesehen. Das heißt, die neun Juroren sehen jeweils ca. 60 DVDs insgesamt und votieren dann. Wenn eine Bewerbungsnummer in einer Juroren-Gruppe auch nur ein Plus bekommt, muss die nächste Gruppe diese DVD auch noch ansehen. Und wenn es dann noch ein Plus gibt, muss die dritte Gruppe sie auch ansehen. Das heißt, wenn auch nur der Hauch eines Interesses geweckt wird, dann ist die Produktion drin. Dann diskutiert die Jury, bis nur noch 30 Inszenierungen im Rennen sind. Dann fahren immer zwei Juroren zu den Gruppen, im besten Falle einer, der skeptisch ist, und einer, der begeistert ist. Man sieht sich die Inszenierung an und sucht das Gespräch. Man versucht herauszufinden, wie die Spielhaltungen sind, wie eigenständig die Gruppe gearbeitet hat und was für ein Menschenbild auf der Bühne produziert wird.

Was sind darüber hinaus die Auswahlkriterien?

Wird gekonnt, was gewollt wird? Das ist ein wichtiges Kriterium. Ist es eine Regieidee oder erzählt es etwas von der Wahrnehmung dieser Jugendlichen ihres Themas? Erzählen sie etwas über ihre Generation, über ihren Zeitgeist – mit einem Shakespeare, mit einer selbst gemachten Collage? Uns interessiert auf gar keinen Fall die Reproduktion oder der Versuch des Richtigmachens einer klassischen Vorlage. Was mir auch wichtig ist, welches Bild von Zuschauern die Inszenierung entwirft. Es gibt Inszenierungen, die tun so, als wären die Zuschauer unglaublich blöd: Die verdoppeln, sind nachdrücklich, belehren. So etwas will ich hier nicht sehen. Die Übertragbarkeit ist ein weiteres wichtiges Kriterium. Es gibt Produktionen, die spielen auf einem Schiff oder in einer Kirche. Und ohne die Kirche geht es dann nicht.