SPIEGLEIN, SPIEGLEIN

Wie viel Ich ist mein Körper? Die Auseinandersetzung mit der eigenen äußeren Erscheinung steht im Vordergrund der Inszenierung von „Selbstbaukasten“ der tjg.theaterakademie Dresden. 

Zu Beginn stehen die Tänzer wie in Duschkabinen, jeder für sich, separiert von den anderen durch die Begrenzungen der tragbaren Plexiglasscheiben, hinter denen sie sich verbergen. Ein stetes Tropfen erfüllt den Raum. Es ist ein Auftakt, der die Erinnerung an eine Zeit des Erwachsenwerdens wachruft, in der man sich selbst mehr als Makel denn als Mensch wahrgenommen hat.

Die Unzufriedenheit mit einzelnen Körperteilen drücken die Tänzer*innen in wiederkehrenden Gesten des Maßnehmens, des Kratzens an fehlerhaft empfundenen Stellen aus. Sie messen sich ab, setzen sich stückweise in Relation zu sich selbst und streben dabei nach unerreichbarer Perfektion. Jede Bewegung spiegelt die Wut darüber wider, dass man so wenig Macht über etwas hat, das man gezwungenermaßen ständig bei sich tragen muss und das Fremden darüber Aufschluss gibt, wer man ist.

Der Körper als einziges Bewertungskriterium der gesamten Person. Diese Vorstellung macht Angst. So blicken die Tänzer*innen mit ausdruckslosen Gesichtern in den Spiegel, werfen wie gejagte Blicke über die eigene Schulter, um sich sofort wieder hastig vom Publikum abzuwenden. Quälender noch als das potentielle Urteil von außen ist der Kampf im Inneren. In manchen Momenten nehmen die Tänzer*innen die gottgegebenen Umstände der eigenen Körperlichkeit an. Dann vibriert die Bühne unter ihren Füßen, wenn sie in größtem Verlangen aufeinander zu stürzen, um sich gegenseitig in die Arme zu fallen. Diese Umarmungen dauern nicht lange an. Immer windet sich einer, versucht zu entkommen, will den anderen und damit sich selbst abstoßen.

In der Rahmung der Inszenierung durch eine geschlechtslose Computerstimme erkennt man den Einfluss des Theaters innerhalb des Ensembles. Sie rezitiert die Gedanken der Jugendlichen der tja.theaterakademie zu ihren Körpern. Unter die anfänglich reinen Beobachtungen mischen sich nach und nach Selbstkritik und Zweifel, gelegentliche Vergleiche mit dem Umfeld und vor allem die Sehnsucht nach dem „Sich-selbst-annehmen-Können“. Die Statements scheinen teilweise vorhersehbar, häufiger aber überraschen sie mit Witz oder einer längst vergessenen Perspektive. Auf den Zuschauer wirken sie gelegentlich fast traurig intensiv selbstreflektiert.

Obwohl man meinen könnte, dass das Alter der Tänzer*innen dazu führt, dass sie in ihren Selbstzweifeln verharren, wandelt sich die Atmosphäre im zweiten Teil der Inszenierung ins Träumerische. Geschickt wird das Licht eingesetzt, um bestimmte Körperteile zu vereinzeln und zu bewundern. Von der gelegentlichen Unkontrollierbarkeit dessen, was doch eigentlich man selbst ist, geht auch eine gewisse Faszination aus. Wenn ein Fuß abrutscht oder ein Finger nicht unter größtmöglicher Spannung steht, so ist dies doch ein verzeihliches Manko. Schließlich stellen die Tänzer*innen auf der Bühne genau das zur Schau, was Anlass zu ihren Zweifeln ist.

Wem das Gefühl des Haderns mit seiner Erscheinung noch nahe ist, der wird sich in „Selbstbaukasten“ wiederfinden. Bisweilen muss man sich eben selbst auseinander nehmen und neu zusammensetzen. Dieser Prozess endet für die Tänzer*innen in einer positiven Endnote. In einer Reihe stehend, lassen sie nacheinander die halbdurchsichtigen Glasscheiben fallen. Man erwartet ein lautes Aufschlagen, den Schreck, dass das eigene Äußere plötzlich ungeschützt dem Publikum und der Welt ausgeliefert ist. Stattdessen fallen sie sanft zu Boden, mit einem Geräusch, das an erleichtertes Aufatmen erinnert.

Letztlich fasst es das Ziel der Tänzer*innen zusammen: Frieden schließen zwischen Körper und Ich.