Sophiatown:
Viele Saltos, wenig Afrika!

Am Ende des 1. Tanztreffens der Jugend brillieren die Tänzer von „Sophiatown“ mit Akrobatik

In „Sophiatown – the spirit of the freedom lives in us“ trumpfen die Tänzer der Gruppe im Minutentakt mit kunstvollen Tricks auf: technisch beeindruckende Saltos, Flickflacks und ambitionierte Kraftakte reihen sich aneinander. Das bemerkenswerte Können der einzelnen Tänzer kommt umfangreich zu Geltung, während im Stück vor allem Elemente aus Urban Street Art und Freerunning vorherrschen.

Im Stück begegnen sich vier weiße und vier schwarze Tänzer. Sie vertanzen konfliktreiche Begegnungen in Form von Gang-Battles, dazwischen bahnen sich behutsame Annäherungen an. Es wird angedeutet, dass sich im Verlauf des Stücks die Protagonisten entwickeln, gegenseitige Feindschaft langsam überwinden und dabei zu Freunden werden, die einander mit Akzeptanz und Toleranz behandeln. Hinterlegt sind die Szenen mit eher beliebig wirkenden Filmclips, die auf die weißen Klötze im Bühnenhintergrund projiziert sind. Mal begleiten wir einen Tänzer durch ein anscheinend afrikanisches Dorf, mal werden eine ganze Szene lang nur Wolken gezeigt.

Eigentlich ist Sophiatown ein Stadtteil der südafrikanischen Stadt Johannesburg. Große Bedeutung erlangte es wegen seines erzwungenen Abrisses zur Zeit der Apartheid. Der Titel des Stücks bezieht sich also auf ein hochsensibles Thema. Doch das tritt hinter den beeindruckenden Showeinlagen zurück. Während die Tänzer sich unermüdlich überschlagen und durch die Luft wirbeln lassen, bleiben alle inhaltlichen Fragen ungelöst: Zitiert „Sophiatown“ die Vergangenheit, will es eine aktuelle Perspektive in Zeiten der Post-Apartheid formulieren? Oder geht es allgemein darum zu zeigen, wie oberflächlich rassistisch motivierte Konflikte konstruiert sind?

Foto: Dave Großmann Besonders auffällig wird im Stück mit der Darstellung von Männlichkeit umgegangen. Immer wieder fragt sich der Zuschauer, ob das Bild des durchtrainierten Machos hier überspitzt parodiert oder einfach nur plakativ ausgelebt wird. Besonders deutlich wird das, als einer der weißen Tänzer Saltos und Flickflacks hinlegt, während die Filmprojektion im Hintergrund ein heiß laufendes Motorrad zeigt, das kräftig Gas gibt. In stärkeren Konturen ließe sich eine Karikatur von brachialer Männlichkeit nicht zeichnen.

Wenig später zieht ein Tänzer zur Musik von „I’m sexy and I know it“ sein T-Shirt aus, präsentiert zuerst seinen Waschbrettbauch und dann noch ein paar seiner mittlerweile wohlbekannten Sprünge. Kurz darauf tanzen fast alle oberkörperfrei. Im Vordergrund steht also eine testosteron-geflutete und zugleich hochtalentierte Angebershow, während allerdings die Story der Begegnung zwischen jungen Leuten verschiedener Nationalitäten völlig zurücktritt.

Am Ende erscheint auf der Projektionsfläche ein Bild von Nelson Mandela. Es verspricht eine Symbolkraft, die das Stück kaum eingelöst hat. Während das Publikum applaudiert, sparen die Jungs von „Sophiatown“ nicht an Zugaben durch Saltos und Sprünge. Ob das Stück den Geist der Freiheit gefeiert hat, bleibt fraglich. Sicher ist jedenfalls, dass sich die souveränen Akrobaten selbst gefeiert haben

Fotos: Dave Großmann