SÖHNE WIE WIR:
WIE EIN KEKS
ZUM MUTTERTAG

Ein Zwölfjähriger würde „Söhne wie wir“ vielleicht toll finden. Mich langweilt es schon nach ein paar Minuten. Ich stelle mir also vor, das Theaterstück mit einem Zwölfjährigen zu besuchen. Vielleicht kann ich es besser bewerten, wenn ich einen Vertreter der Zielgruppe an meiner Seite habe.

Das Stück vom Düsseldorfer Schauspielhaus lässt sich mit zwei simplen Fragen zusammenfassen: Was denkt die liebe Mama? Und was denkt der liebe Sohn? Auf der Bühne: Sechs Jungs, die meisten um die 18 Jahre, und fünf Frauen, die ihre Mütter sein könnten.

Mit den Episoden des Stücks ließen sich Bilderbücher füllen. In einer Szene gesteht ein Junge: „Ich habe ein schlechtes Gewissen. Mama hat schlechte Laune!“, und zählt auf, womit er sich von Mamas schlechter Laune ablenken will: Musik hören, etwas trinken, im Zimmer bleiben. Hilft alles nicht. Endlich geht der Junge zur Mama und sagt: „Ich wollte mich entschuldigen.“ Mama sagt: „Das ist aber lieb“. Der Junge jubelt. Der imaginäre Zwölfjährige, den ich mit ins Theater genommen habe, strahlt mich an. Schöner Stoff für ein kleines Büchlein aus der Pixi-Reihe, 10 Seiten in Großbuchstaben für 95 Cent. Wobei Pixi-Bücher sogar für noch jüngere Kind gedacht sind – ist mein Zwölfjähriger zu alt?

Klar spielen die Düsseldorfer Jungs mit verschmitztem Grinsen. Längst sind sie aus den Jahren raus, in denen man ihnen über den Kopf wuscheln wollte. Sie nennen sich „Alter!“ und boxen sich testosteronbeflügelt in die Seiten. Aber ist das schon Ironie, wenn man nur verschmitzt grinst? Im Publikum wird darüber gelacht: Chabos mit süßen Geschichten, gezähmte Checker vor Mamas Herd. Ich stelle mir vor, wie ich dem imaginären Zwölfjährigen neben mir freundschaftlich in die Seite knuffe.

Eine Pixi-Kinderbuch-Szene folgt der anderen. „Was ist das denn hier für ein Saustall?“, fragt eine Mutter und stemmt die Hände in die Hüften. „Sonntags ist immer der Kühlschrank leer!“, empört sich ein Junge, der nicht mehr bei Mama wohnt. „Ich glaube, du weißt noch gar nicht, wo die Reise hingeht!“, ermahnt eine Mutter den Sohn. Mich erinnert das an Internet-Seiten mit „Sätzen, die jeder kennt“. Das Theaterstück scheint nur aus solchen Sätzen zu bestehen, das Paradigma lautet „Kennste, kennste!“

Meine Gedanken schweifen ab und ich denke an Kinder-Theaterstücke wie „Der kleine Prinz“, „Ronja Räubertochter“ oder „Räuber Hotzenplotz“. Die habe ich mit Zwölf gesehen. Ich glaube, sie würden mich auch heute noch verzaubern. Sie machen mit ihren skurrilen Figuren eine Welt auf, die sich weiterträumen lässt. Wenn die Jungs und Frauen in „Söhne wie wir“ aber „Sätze, die jeder kennt“ aufsagen, macht das für mich keine Welt auf. Das Stück ist genauso lieb gemeint wie fantasielos, es hat so viel Charme wie ein Keks als Muttertagsgeschenk.

Später fällt mir auf, dass mich auch die dargestellten Mamas auf der Bühne ärgern. Sie beschäftigen sich in den meisten Szenen mit dem Bühnenbild, einem meterhohen Turm aus Waschmaschinen, Kühlschränken, Küchentischen und Mikrowellen. Sie schmieren Nutellabrote, falten Wäsche oder sitzen einfach nur am Küchentisch. Einen Beruf scheint keine zu haben, von Männern im Haushalt ist nichts zu sehen.

Zwar geht es im Stück nicht in erster Linie um Frauenrollen. Trotzdem vermittelt es wie selbstverständlich ein konservatives Familienbild, das genauso gut aus der Waschmittelwerbung der Fünfziger Jahre stammen könnte. Wer will, kann zum Vergleich mal auf YouTube nach dem Video „Werbung der 50er – Sunil Werbung“ suchen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Das ist mir dann doch zu altbacken. Ich glaube, ich würde mir mit meinem imaginären Zwölfjährigen doch lieber ein anderes Stück ansehen.