So kann jeder
neue Moves entwickeln

Ein Impulsworkshop über Bewegungs-Recherche beim 1. Tanztreffen der Jugend

Das hier ist kein Ort für Gespräche, denn wer spricht, kann nicht tanzen. Lisa Gaden und Dave Großmann winden und strecken sich auf dem Parkettboden im Theatersaal der UdK Berlin, machen sich warm für den Workshop, den sie „Experimenteller Urbaner Tanz“ genannt haben. Vier junge Tänzerinnen und ein Tänzer kommen herein, streifen Schuhe und Strümpfe ab. Lisa Gaden macht die Musik an, ein Bass dröhnt durch den Tanzsaal, sie kreuzt den Raum mit schweren Schritten, als wollte sie dem Boden mir ihren Fußsohlen Stempel verpassen. Die Tänzer machen mit, stempeln mit Lisa Gaden über das Parkett. Das reicht als Begrüßung, da braucht es kein Hallo.

Dave Großmann dreht auf, zum Bassbeat kommt eine Triangel hinzu. „Versucht euch, auf ein Instrument zu konzentrieren“, ruft er. „Versucht euch, wie das Instrument zu bewegen. Der Bass ist tiefer und schwerer als die Triangel. Der Bass ist näher am Boden. Die Triangel macht Bing! und geht nach oben. Versucht den Unterschied für euch selber zu bemerken.“

Eine Tänzerin übernimmt die Triangel, bei den hellen Schlägen wirft sie die Arme hoch und streckt den Hals. Eine andere lässt sich vom Bass erfassen, geht tief in die Knie und bounct mit bleischweren Beinen.

Dave Großmann hat sich mit B-Boying und Contemporary Dance einen Namen gemacht, Lisa Gaden ist zeitgenössische Choreographin. Aber die beiden haben kein Interesse daran, den Leuten zu zeigen, was sie beherrschen. Bei ihrem Workshop gibt es kein Vortanzen und keinen Spiegel.

Um neue Bewegungen zu schaffen, wollen Lisa Gaden und Dave Großmann die alten Gewohnheiten der Tänzer brechen. Sie sollen vergessen, in welchem Stil sie zuhause sind, sei es nun Hiphop, House oder Ballett.

Lisa Gaden macht einen Ausfallschritt, zerrt ihren Körper widerwillig hinterher. „Konzentriert euch nur auf euren Fuß“, sagt sie. „Lasst euch von eurem Fuß überraschen. Völlig egal, wie das aussieht.“ Plötzlich staksen, steppen und wischen die Tanzenden durch den Raum. Sie liefern, ohne es zu merken, eine neue Inszenierung von Monty Pythons bekanntem Sketch „Ministry of Silly Walks“.

„Und jetzt die Knie“, sagt Dave Großmann. „Wie fühlt es sich an, wenn jemand eure Knie zusammen bindet und die Knie machen, was sie wollen?“ Die Tanzenden pressen die Knie aneinander. Sie winden sich auf der Stelle wie Meerjungfrauen, die sich aus ihrer Fischhaut pellen wollen.

„Und jetzt die Ohrläppchen!“, ruft Lisa Gaden, und wie von unsichtbaren Händen an den Ohren gepackt taumelt sie zur Seite. Nach und nach verleiht Lisa Gaden einzelnen Körperteilen die Herrschaft über die Bewegungen: Ellenbogen, Po, kleiner Finger. Die Tanzenden um sie herum drehen und strecken und krümmen sich.

Nach einer halben Stunde ist Zeit für eine neue Übung. Legt euer ganzes Gewicht auf den anderen“, sagt Dave Großmann. Und schon spürt Toni Kisse aus Oldenburg, dass sich jemand an ihren Rücken hängt.

Lisa Gaden und Dave Großmann geben den jungen Tanzenden Werkzeug für die eigene Recherche nach neuen Bewegungen. Sie appellieren an ihre Fantasie, machen ihnen Mut, sich von alltäglichen Erfahrungen am eigenen Körper inspirieren zu lassen. Impulse, die eigentlich aus der Umwelt kommen, sollen die Tanzenden in der eigenen Einbildung heraufbeschwören – und in Tanz übersetzen.

Das klingt alles andere als leicht. Doch es hat funktioniert, wie Toni Kisse, Stefan Henaku-Grabski aus Köln und Sophie Siegwart aus Saarbrücken erzählen:

Zweieinhalb Stunden hat der Workshop gedauert. Kurze Zeit, um nacheinander alle Körperteile und jede Menge Instrumente zu vertanzen. Lang genug, um ins Schwitzen zu kommen und sich für den nächsten Tag einen Muskelkater zu sichern.

Es ist Zeit, ins Haus der Festspiele zurückzukehren. Gleich geht das vierte von sieben Tanzstücken über die Bühne. Ohne Worte natürlich, denn wer spricht, kann nicht tanzen. Lisa Gaden ist mit dem Workshop zufrieden.

Titelbild: David Holdowanski