So geht griechisches Theater

Michalis Pitidis ist Schauspieler vom Nationaltheater Nordgriechenland. Im Rahmen der deutsch-griechischen Koproduktion „UTOPIA IN PROGRESS“ zweier Theatergruppen aus Konstanz und Thessaloniki nimmt er als Delegierter am Theatertreffen der Jugend teil. Das Theaterstück selbst hat es leider nur in die Zwischenauswahl geschafft; trotzdem setzt sich Michalis für ein Weilchen mit mir zusammen und erzählt mir etwas über Theater in Griechenland. Seine Eindrücke, stellt er gleich zu Beginn unseres Gesprächs dar, sind rein subjektiv und punktuell. Dann fängt er an, zu erzählen; ich als Deutsche und er als Grieche führen das Gespräch auf Englisch.

Allein im vergangenen Winter habe es in Athen circa 1000 Theateraufführungen gegeben. Für Michalis ist das ein eindeutiges Zeichen, dass sich das griechische Theater weiterentwickelt. Theater habe viel Kraft und könne starke Emotionen beim Publikum auslösen, und nicht zuletzt aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation in Griechenland gebe es Einiges an Material, das im Theater verarbeitet werden könne.
„Society is like a volcano“, beschreibt er anschaulich, „and sometimes it has to erupt“. Dies sei der Fall, wenn Menschen unzufrieden sind und der soziale Druck groß ist.
Michalis erzählt auch, dass ein Großteil dieser Aufführungen Low-Budget-Produktionen gewesen seien, da es an Geld fehle: Oft werde zuerst an der Kunst gespart, doch das Interesse am Theater sei dennoch so groß wie noch nie.
Viele Theaterstücke seien politisch, viele humorvoll – eine strikte Trennung dieser Attribute gebe es allerdings nur selten. Meist seien die Themen sehr vielschichtig.
Das Theaterstück „UTOPIA IN PROGRESS“, bei dem Michalis mitgewirkt hat, ist dreisprachig und beinhaltet deutsche, griechische und englische Szenen. Das Stück soll interkulturellen Austausch und Verständnis füreinander schaffen – ein Forum nicht in der Politik, sondern in der Kunst.
Politisch ist „UTOPIA IN PROGESS“ trotzdem. Nach dem Vorbild „Die Vögel“ von Aristophanes handelt das Stück von zwei Männern, die Athen verlassen und in den Himmel reisen, um gemeinsam mit den dort ansässigen Vögeln eine idealistische Gemeinschaft zu erschaffen. Auf dieser Basis stellen die Schauspieler dar, wie für sie Utopien aussehen würden und finden Überschneidungen.

Michalis hat das Theaterstück mit seiner Theatergruppe bereits in Deutschland und Griechenland aufgeführt und verschiedene Reaktionen im Publikum erlebt. Er schildert mir seine Eindrücke.
In Griechenland, erzählt er, habe das Publikum sehr großen Anteil am Stück genommen, die Menschen hätten ihre Gefühle bereits während der Aufführung gezeigt. Das könne laut Michalis daran liegen, dass man das auf der Bühne dargestellte automatisch auf seine eigene Situation übertrage und mit persönlichen Erfahrungen vergleiche. Die Zuschauer hätten sich tatsächlich „involviert“ gefühlt. Aufgrund der momentanen Situation Griechenland fühle sich das griechische Publikum womöglich besonders stark angesprochen und zeige seine Emotionen unmittelbar.
Bei der Aufführung in Konstanz hingegen sei das Publikum laut Michalis sehr viel ruhiger gewesen, Diskussionen hätten nicht etwa schon während der Darstellung stattgefunden, sondern vielmehr danach.
Die Reaktionen des griechischen Publikums auf „UTOPIA IN PROGRESS“ seien Michalis zufolge allgemein sehr heftig gewesen. Eine besonders negative Reaktion sei ihm bis heute in Erinnerung geblieben:

„At the first day of our performance in Greece, a guy was there who was speaking all the time although we were still playing. He was talking about Merkel and Schäuble and mentionend political things, and in the end of our performance he stood up and made the audience listen. He said: ‚Stop, stop this now, don’t listen to them, they are friends of the Nazis. This is propaganda of Merkel, and in Greece we have to stop this now, we have to save our nationality!‘. I answered something I cannot remember. Two days later, he came again and waited outside for the audience, then he gave them leaflets about our performance. The leaflets said: ‚This is propaganda, it’s an attack against Greece‘.“

Solch eine negative Reaktion habe Michalis bisher allerdings nur einmal erlebt, fast alle anderen Rückmeldungen seien äußerst positiv gewesen. Internationale Bühne, schließt er, sei ein großartiges Forum für den interkulturellen Austausch. Diese deutsch-griechische Koproduktion ist für ihn ein erster Schritt, um gegenseitiges Einfühlungsvermögen zwischen Deutschland und Griechenland zu bewirken.