„Sieht der mich?“

Julien Günther von der Theatergruppe “Wo ist Zukunft” über Blindenwitze und Leute, die ihn von der Seite anschielen

Nervt Dich das, wenn Leute fragen, wie gut Du siehst?
Mich nervt das, wenn die Leute nichts sagen und die ganze Zeit meinem Blick folgen, um herauszufinden, was ich sehe. Wenn ich lese und das Papier nah vor die Augen halte, merke ich manchmal, wie mich Leute so von der Seite anschielen und sich fragen: „Sieht der mich?“

Und Du siehst sie immer.
Mein Augenarzt sagt, ich habe 25 Prozent Sehkraft. Eines meiner Augen zuckt immer, ich glaube, es ist ein Muskelfehler. Das andere Auge zuckt automatisch mit. Trotzdem sehe ich nichts verwackelt. Mein Gehirn macht daraus ein gerades Bild. Oft versuchen Leute, den zuckenden Augen zu folgen, das nervt auch.

Wie mache ich das am besten, wenn ich Dich anschauen will?
Du guckst mir einfach normal in die Augen und versuchst nicht, bei jeder Bewegung mitzugehen.

Warum trägst Du eigentlich keine Brille?
Das hatten wir mal ausprobiert, als ich drei Jahre alt war. Aber mein Kopf hat dann gezittert. Deshalb haben wir es gelassen. Ich war übrigens erst zwei Mal in meinem Leben beim Augenarzt. Erstaunlich, oder? Ich muss nicht zum Arzt, weil klar ist, dass sich die Erkrankung nicht verändern wird.

Was kannst Du mit 25 Prozent Sehkraft nicht machen? Vorhin haben wir zusammen Tischtennis gespielt.
Tischtennis spielen geht. Eishockey spielen geht nicht, die Sportart ist einfach zu schnell. Dabei hätte ich das gerne gemacht. Autofahren darf ich nicht. Fahrradfahren theoretisch auch nicht, aber ich kann’s. Mit Zeitung, Computer und Smartphone habe ich auch kein Problem. Nur wenn ganz viele schmale Buchstaben wie „f“s oder „l“s nebeneinander stehen, verschwimmt das ein wenig. Und ich habe Hörbücher lieber als normale Bücher.

 

Szene aus
Szene aus „Die Unberührbaren“

 

Welches Buch hörst Du gerade?
Gerade höre ich „Rollende Steine“ von Terry Pratchett. Er und Walter Moers sind meine Lieblingsautoren. Ich schreibe auch manchmal selbst Geschichten, meistens lösche ich die aber am nächsten Tag wieder. Vor kurzem habe ich für meine dreijährige Nichte ein Kinderbuch geschrieben.

Worum geht’s da?
Um das Häschen Stups. Meine Nichte wollte ein Buch haben, in dem es um Tiere geht, die anderen Tieren helfen. Genau das macht Stups. Es ist sozusagen ein Krankenschwester-Häschen. Ich habe das Buch mit der Hand geschrieben und selbst illustriert.

Vielleicht solltest Du Kinderbuchautor werden.
Naja, ich kann ein bisschen schreiben und schauspielern und spiele gern Gitarre, aber so richtig gut kann ich nichts davon. Am besten bin ich in Biologie. Naturwissenschaftliche Sachen kann ich mir extrem gut merken. Ab dem nächsten Wintersemester will ich Medizin studieren. Davor möchte ich aber noch ein Praktikum in der Pathologie der Charité bekommen.

Keine Angst vor toten Menschen?
Na, ich denke mir, wenn die Leute schon tot sind, werden sie nicht sagen: „Bitte nicht einen Praktikanten!“ Später will ich aber Neurologe werden. Da gibt es noch so viel Neues zu entdecken.

Kannst du Arzt werden, wenn Du nicht alles siehst?
Mein eigener Neurologe meinte, das ist kein Problem, so lange ich Schrift lesen und schreiben kann. Bei meiner Schwester waren sich die Ärzte nicht so sicher, ob sie mit Sehbehinderung Lehrerin werden kann. Jetzt leitet sie eine Sportklasse mit dreißig Leuten in einer riesigen Turnhalle.

In deinem Theaterstück “Die Unberührbaren” wird eine sehbehinderte Protagonistin von allen gehasst und ausgeschlossen. Was Du von Dir erzählst, klingt überhaupt nicht so schlimm.
Ich kann das Stück auch nicht so krass mit meinen eigenen Erfahrungen verbinden. Aber es hat Spaß gemacht, auf der Bühne zu stehen. Das ist das coolste Gefühl überhaupt: Wenn man vor und nach dem Auftritt unheimlich nervös ist, aber während des Auftritts überhaupt keine Aufregung spürt.

Alles also halb so wild?
Jeder erlebt etwas anderes. Es gibt Leute, die kamen erst später auf unsere Schule – die Brandenburgische Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen – und wurden vorher so verhätschelt, dass sie sich mit 19 Jahren noch nicht einmal ein Brot schmieren konnten. Da muss man selbstständiger sein. Ich hatte aber auch mal eine neue, blinde Mitschülerin, die zu selbstständig war. Ihr hätte man mehr helfen müssen. Sie hatte auf ihrer alten Schule nichts in Punktschrift bekommen und den meisten Stoff auf eigene Faust gelernt.

Sind Blindenwitze eigentlich tabu?
Nein, meinem Kumpel sage ich oft: Unter den Blinden ist der Einäugige König. Er hat nämlich nur ein Auge. Es kommt auch mal vor, dass sich in meiner Schule zwei Blinde auf dem Gang unterhalten und sagen: „Du hast heute aber coole Socken an.“

Interview: Sebastian Meineck
Titelbild: David Holdowanski
Foto Inszenierung: Dave Großmann