Sesperado:
Failinterpretation –
„Die konter-bunte Revolution“

„Esperanto – Revolution of Colour“ führt zurück in die alte Bundesrepublik. Zwischen den Olympischen Sommerspielen, der sozialliberalen Regierung und dem RAF-Terror bildet es den Wandel vom Schwarz-Weiß- zum Farbfernsehen ab.

Am 25. August 1967 drückt Willy Brandt im Rahmen der Großen Deutschen Funk-Ausstellung auf einen großen roten Taster [1] und beginnt so die glorreiche Geschichte des deutschen Farbfernsehens. Zur selben Zeit befummelt in der Wohnung des jungen Gerichts-Malers Horst der Revoluzzer Andreas Baader, genannt Esperanto, seine neue Liebe, Poli(t)-Streberin Gudrun Ensslin. Man freut sich tierisch auf den Beginn der Sendung „Farben raten“ mit Holger Kuhlenkampf [2], als das Undenkbare geschieht. Dem Pärchen ist sofort klar: die Sendung Kuhlenkampfs ist soeben gestorben. Man sieht die Farben ja eh! Im hitzigen Diskurs dieser Nacht wird Brandts Knopfdruck mit dem rosa Farbbeutelwurf auf die Sozialistin Radio Luxemburg gleichgesetzt. It’s 1919, all over again. Noch in derselben Nacht gründet sich die RAF. [3]

Sofort verabredet sich die Gruppe, sich von nun an jeden Gründonnerstag in Horsts Mahler-Wohnung zu treffen, mit dem Ziel, den via TV verbreiteten Farbimperialismus der Amerikaner zu stürzen. Schon Ensslins Masterarbeit in Applied Liberation Theology hatte den Widerstand gegen imperialistische Farbpaletten mit den Bilderstürmern der Reformationszeit verglichen: „Katholiken, Amerikaner, alles Soße! Jetzt heißt es Schwarzmalen, Brüder und Schwestern.“ Nach der Ohnesorg-Erschießung nehmen die Ereignisse Fahrt auf: Die Gruppe demontiert Farbantennen, wirft Stinkbomben auf das Fernseher-Sortiment zweier Frankfurter Kaufhäuser und droht der BILD-Zeitung mit Telefonterror, sollte man sich dort jemals für Farbdruck entscheiden.

Doch so harmonisch bleibt es nicht. Bald kommt ein ganzes Spektrum fraktionsinterner Differenzen ans Licht. Gegen Baaders radikalen Antikolorismus [4] positioniert sich Ulrike Meinhof, die im Farbfernsehen doch noch eine revolutionäre Perspektive erkennt. („Das Rot unserer Fahnen kommt so doch viel besser rüber!“). Später in Stammheim werden die RAFler das Farbfernsehen im Gruppenraum boykottieren, einige Abweichler die Umstellung auf Farbe aber schon Ende 1972 akzeptieren. [5] Erst, als keine Ersatzteile für die alten Geräte mehr geliefert werden können, gibt auch Baader auf. Genugtuung verschafft ihm in den letzten Tagen einzig der Besuch einer Delegation der Black-and-White-Panther-Bewegung aus den USA. Derweil versucht draußen die zweite RAF-Generation, der Forderung „Ende der Stammheimer Farbfolter“ mit der Entführung des ZDF-Chefs Hans-Anti Grauschleyer Nachdruck zu verleihen, der seine Entführung jedoch auf einer Bubacke im Kofferraum absitzt.

Mit der Solidarisierung von Rudi Nusske am Grab von Holger Kuhlenkampf („Stulle, der Mampf geht weiter!“) [6] endet die szenische Lesung, die das Arbeitertheater der Daimler-Akademie Stuttgart mit auf das Treffen Junger Betriebsräte brachte. „Für uns ist es ein Stück baden-württembergische Heimatgeschichte. Die Legenden vom Esperanto, die kennt hier jedes Kind. Angeblich soll der Andi ja farbenblind gewesen sein, und hat sich einfach einen Jux gemacht.“ Wir werden es nie erfahren.

\\feat. Philipp Neudert


[1] Eine Attrappe
[2] Wer RAFft denn den?
[3] Kurz für RoteTaster-Abschaffen-Fraktion.
[4] „Was das Farbfernsehen für den imperialistischen Propagandafeldzug sein wird, war das Manhattan-Projekt für den Atomkrieg gegen Japan“ (Baader). Sein Vorschlag, den bekannten und preisgünstigen Farbfernseher „Neckermann Weltblick“ auf dem RAF-Logo zu verwenden, kann sich nicht durchsetzen.
[5] Die Mehrheit der „Antikoloralistische Aktion“ um Baader stand der farbenfreundlicheren „PAL-72-Offensive“ (benannt nach ihrem Gründungsjahr) gegenüber.
[6] Starb im Hungerstreik.