Sense: Über den Mainstream

Es gibt diese Anekdote von Alfred Hitchcock: Er träumte eine Zeit lang jede Nacht einen Film. Großartige Plots, Bilder, Szenen, die ihm am nächsten Morgen bei besten Willen nicht mehr einfielen. Eines Abends legte er sich Zettel und Stift neben sein Bett, um seinen Traum festhalten zu können, falls er in der Nacht aufwachen sollte. Als er am nächsten Morgen aufwachte war er gespannt, was wohl auf dem Blatt stehen würde. Geschrieben stand nur ein Satz:
„Junge trifft Mädchen.“


Es ist der Wunsch vieler Autoren, etwas völlig Neues, nie dagewesenen, zu schreiben. Dabei ist das gar nicht möglich. Man kann vorhandene Themen neu interpretieren, aber die meisten Beziehungs-/Machtkonstellationen sind bereits erzählt worden. Das gestrige Stück Sense von LAB NOW! aus München brachte mit den Themen Selbstzweifel, Ungewissheit, jugendliche Sorgen auf die Bühne. Jedoch in einem neuen Gewand.


Statisches Rauschen erfüllt den Raum. Ein einzelner Tänzer richtet sich vorsichtig auf. Seine Augen sind geschlossen, er tastet in der Luft umher, bis er schließlich steht. Als er die Augen öffnet, drückt ihn das Scheinwerferlicht (oder doch die Präsenz des Publikums?) zurück auf den Boden. Es ist der Kampf gegen eine äußere Macht, welchen die Tänzer*innen in ihrem Inneren ausfechten.

Dabei gehen sie mal mehr, mal weniger schematisch vor: während der Anfang sich primär mit sinnlichen Eindrücken beschäftigt, kommen nach und nach immer mehr Elemente dazu. Ein junges Mädchen zieht sich bis auf die Unterwäsche aus, wringt ihre Kleidung aus, verharrt einen Moment mit ausgestreckten Armen. Dann schrumpft sie in sich zusammen. Ob unter den Blicken des Publikums oder unter den Strahlen der Scheinwerfer ist schwer zu sagen. So eindeutig der Bezug zu erkennen ist, wenn die Bühne von der Seite erleuchtet wird und die Tänzer dazu treibt, im Kreis zu stampfen, zusammen zu brechen, sich am ganzen Körper zu kratzen. So wird es beim Spiel frontal zum Publikum uneindeutig: Das Leitmotiv des geradeaus deutenden Zeigefingers findet keinen konkreten Adressaten.

Man sieht Gewalt auf der Bühne, die auf die Darsteller*innen zurückgeworfen wird. Ein Schuss aus einer imaginären Pistole, gefeuert ins Publikum, trifft plötzlich die Schützin selbst. Genauso werden Schläge und Tritte reflektiert. Die wohl größte Aggression gegen den eigenen Körper, Seppuku oder Harakiri (rituelle japanische Selbsttötung), wird mehrmals kollektiv durchgeführt. Neben diesen hektisch durchgeführten Szenen wird das Tempo durch Sprech- und Gesangseinlagen verlangsamt. „Ich nahm mich und meine traurigste Seele“, singt eine Tänzerin und dem Publikum rücken die Bilder ein weiteres Stück näher: wie sie ihre Köpfe hin und her werfen, an ihrer Kleidung reißen, sich auf dem Boden wiederfinden. Es tut einem regelrecht leid, den Darsteller*innen bei dem Versuch zuzuschauen, sich von sich selbst frei zu machen. Zwei Drumsticks tauchen auf und ein Beat wird auf den Boden geschlagen, der langsam immer schneller wird. Dazu bewegt sich eine Tänzerin, erst stockend, dann immer fließender, zuletzt hektisch. Bis sie irgendwann zu Boden geht. Der Takt schlägt weiter, findet aber niemanden, der drauf eingeht, und verstummt schließlich.

Nach all dem Leid, war das Ende ein wichtiger Dienst an das Publikum. Die Anfangssequenz wird in umgekehrter Abfolge wiederholt. Nach einem weiteren Fingerzeig geradeaus, Angst, Sorge, Verunsicherung in ihren Gesichtern, strecken die Darsteller*innen ihre Arme in die Höhe und schließen die Augen. Als würden sie das Licht, das sie beleuchtete, absorbieren oder einfach akzeptieren.


SENSE ist ein Stück, das alle Sinne des Publikums beansprucht. Sowohl durch seine künstlerische Vielfalt, als auch durch seine thematischen Schwerpunkte, die geschickt im Spielgeschehen vernetzt sind. Man hat nicht das Gefühl, so etwas schon einmal gesehen zu haben.