Sense: sich öffnen

Im Laufe des Lebens lernt man immer wieder Menschen kennen. Manche Bekanntschaften bleiben flüchtig, andere festigen sich über Jahre oder gar Jahrzehnte, manchmal reicht aber auch schon eine einzige Woche, um sich nah zu fühlen. Jede Beziehung unterscheidet sich jedoch darin, inwieweit man sich dem anderen öffnet. Es ist eine Frage des Vertrauens, die gestellt und durch den Austausch von großen und kleinen Geheimnissen, vergangenen Verletzungen und aktuellen Ängsten beantwortet wird. In „Sense“ tut das Ensemble von LAB NOW! Tanztendenz München e.V. etwas außergewöhnlich Mutiges: Es kehrt sein Innerstes nach außen und teilt intime Momente mit einem völlig fremden Publikum.

Man sieht den Tänzer*innen an, dass sie selbst erlebte Emotionen durch ihre Bewegung wachrufen. Sie wissen, von was sie tanzen. Dabei scheint es sich größtenteils um negative Erlebnisse zu handeln. Der eigene Körper wird durch verzweifeltes Kratzen in Frage gestellt, ist ein lästiger Ausschlag, von dem man sich lösen will. In schnellem Lauf werden neue Positionen auf der Bühne gesucht, die nie zufriedenstellen können. Es gibt kein Ausruhen vor den eigenen Ängsten. Die Gliedmaßen wollen ausbrechen, werden zurückgerissen, es ist ein Kampf mit sich selbst und gegen den Druck von außen, der in einem epileptischen Zucken am Bühnenboden zu enden scheint. Doch die Tänzer*innen richten sich immer wieder auf, weisen wiederholt anklagend mit dem ausgestreckten Zeigefinger ins Publikum, das ihnen nicht helfen kann.

Sind die Tänzer*innen in ihrer Aufstellung zwar in einer gemeinsamen Form angeordnet, so sind sie in ihren individuellen Bewegungen doch allein gelassen. Die bewegten Gruppenbilder, die häufig in einer Kreisform angeordnet sind, werden stellenweise untermalt von Gedankenfetzen, welche die Tänzer*innen in ein vereinzelt im Bühnenraum stehendes Mikrofon sprechen. Ob lieblicher Gesang oder die englischsprachige Erzählung eines Ichs vom Verlassen seiner Familie: Die gesprochenen Elemente verleihen dem Tanz eine zusätzliche Dramatik.

Die Metapher des Sich-Öffnens wird manifest in einer Szene, in der eine Tänzerin langsam und zunächst ausdruckslos die weite Hose und das lockere Hemd auszieht. Sie legt die Schutzschichten ab, die sie zuvor noch vor den Blicken des Publikums geschützt haben, die Umrisse ihres Körpers, ihrer Person, verschleierten. Erst als sie komplett entkleidet ist, scheint sie ihre Nacktheit zu bemerken, die sie einem Urteil ihrer Umwelt komplett ausliefert und versucht erschrocken, sich zu bedecken. Ihre Drehung ist fremdgesteuert, mit ausgebreiteten Armen, wie bei einer Krankenhausinspektion. Ein Sinnbild für den Moment, in dem man merkt, dass man zu viel von sich preisgegeben hat, das gegebene Vertrauen missbraucht wird.

An anderer Stelle schimmert ein Hoffnungsstreif auf. In der Liebe beispielsweise, der Weg dahin fast schon dargestellt wie ein Paarungskampf, ein Ring aus rennenden Leibern, die vor nichts zurückschrecken, versuchen, sich zu fassen. Schließlich findet das Paar zueinander, der wirbelnde Kreis aus Tänzer*innen weitet sich und gibt den Blick frei auf die beiden Tänzer*innen, die sich in einem dramatischen Kuss treffen, um sofort wieder auseinander zu sprengen. Man bleibt auf der Suche.

Das hohe Tempo des Stückes wird gehalten, wenn nicht sogar noch gesteigert, durch das ansteigende Trommeln von Drumsticks auf dem Bühnenboden, das zunächst den Rhythmus für eine Tänzerin vorgibt, die sich gequält im Rahmen der akustischen Vorgaben bewegt, gegen ihren Willen mitzumachen scheint, bei diesem von außen auferlegten System aus hölzernen Aufschlägen. Nachdem die Tänzerin erschöpft zusammengebrochen ist, bewegt sich der Tänzer immer schneller trommelnd durch die Reihen des regungslos auf dem Boden liegenden Ensembles. Der Druck der Leistungsgesellschaft – ein Rhythmus, mit dem man unmöglich mithalten kann?

Doch es scheint eine Erlösung zu geben. Ganz zum Schluss zumindest, als ein symbolischer Sonnenstrahl von oben auf die Tänzer*innen hinabfällt und sie ihre Handflächen und Gesichter erleichtert dem Licht zuwenden. Darüber, wie sie zu dieser Ruhe gekommen sind, kann man als Zuschauer*in nur Hypothesen aufstellen. Vielleicht muss in diese Leerstelle jeder einzelne seinen eigenen Moment des Mit-sich-selbst-Vertragens einsetzen.


Foto: Dave Großmann