Semantische Sättigung Overload

„Sie mögen sich“ ist Romeo und Julia im Antifa-Style. Doch die im Stück angelegte politische Kritik scheitert und verkommt zur Gleichmacherei von Problemen auf der Welt. Von Luna Ali

Brexit, Trump, Terroranschläge in Orlando, Nizza, Brüssel. Auf den Sommer der Willkommenskultur folgte der Sommer des Hasses. 2016 wurde nur gefeiert, weil es irgendwann vorbei war. Als schlimmstes Jahr aller Zeiten wurde es auf Facebook und Twitter rauf und runter gehatet. Der Rechtsruck wurde spätestens mit der Bundestagswahl 2017 auch für die Mitte der Gesellschaft spürbar. Inmitten dieser politischen Umbrüche entwickelt sich das Kammerspiel von Ohne ist schöner aus Leipzig, das melodramatischer nicht hätte enden können.

Aber was passiert? Auf einer Party lernt ER, ein linksgrünversiffter Antifant, SIE, ein 16-jähriges emanzipiertes Görl, kennen. Sie feiern ihre Liebe als Widerstand gegen den Hass auf dieser Welt, denn ihre Liebe ist eigentlich unmöglich. Ihr Stiefvater ist nämlich ein Hassprediger bei Legida. Nachdem sie sich Romeo-und-Julia-like die ewige Liebe geschworen, eine unglaubliche Nacht miteinander verbracht haben, verschwindet SIE einfach und trifft im Leipziger Stadtzentrum wieder auf die Realität.

Legida hat sich breit gemacht, überall Hass, überall wird geschossen: Wörter, Hitlergrüße, Werbung. Überforderung stellt sich ein: Warum ist die Welt so im Eimer? Es folgt eine Demo-Szene. ER als Rebell gegen das System will diesen Faschos auf die Fresse hauen. Der Höhepunkt ist, dass ER SIE schlägt, weil SIE sich nicht gegen ihren Nazi-Stiefvater positionieren will. ER ist voller Hass, ja, ein Terrorist, könnte man sagen.

Was ist der Unterschied zwischen ihm und den Faschos, wenn beide das Mittel der Gewalt wählen? SIE hält ihn davon ab und schützt ihn dadurch vor der Polizei, die ihn sonst festgenommen hätte. Natürlich verzeiht SIE ihm auch, dass ER SIE geschlagen hat. Warum, das weiß SIE nicht. Dann gehen sie glücklich zu ihm nach Hause. Was soll jetzt noch Schlimmes passieren? Die Mutter tot, ermordet von seinem Vater. ER dreht durch, kommt in die psychiatrische Klinik. Ihr wird das alles viel zu viel. Um sich zu schützen, besucht SIE ihn irgendwann nicht mehr.

… UND IRGENDWO IN SYRIEN FALLEN BOMBEN AUF HÄUSER
Wie wir gestern gelernt haben, ist eine semantische Sättigung „ein psychologisches Phänomen, bei dem die mehrfache Wiederholung eines Wortes zu einem temporären Bedeutungswandel oder -verlust führt. Bei vollständiger Sättigung wird das Wort nur noch als bedeutungslose Aneinanderreihung von Tönen ähnlich unbekannter Wörter aus Fremdsprachen empfunden“ (Wikipedia lässt grüßen). Und leider stellte sich diese semantische Sättigung schon nach 20 Minuten ein. Während die Spielerinnen mit voller Power dagegen steuerten und mich tatsächlich an einigen Stellen zum Lachen gebracht oder berührt haben, erginge sich der Text in Wiederholungen und eine dramatische Wen-
dung folgte der anderen.

Wenn weiße Menschen bei Rassismus nur an Antifa vs. Nazis denken, überrascht mich das nicht. Wenn sie Rassismus als Phänomen erst seit dem Jahr 2016 wahrnehmen, auch nicht. Dass man linke und rechte Gewalt gleichsetzt, kannte ich bisher nur von der Jungen Union. Dass toxische Beziehungen als Romantik verkauft werden, kannte ich von Twilight und 50 Shades of Grey. Ich unterstelle der Inszenierung, dass sie all das kritisieren wollten. Sie wollte aufzeigen, dass Rassismus für viele Menschen in Deutschland längst Alltag ist. Dass die linke Szene ihre Widerstandsmittel überdenken muss, wenn sie dem Rechtsruck entgegensteuern will. Dass es auch Sexismus in Antifa-Kreisen gibt.

Meiner Meinung nach wurde diese intendierte Kritik aber durch die Inszenierung und den Text unterlaufen. Der jugendlichen Liebe der zwei Hauptfiguren wird am Anfang eine Drohkulisse entgegengesetzt — aus Videoaufnahmen von linken und rechten Ausschreitungen, begleitet von klassischer Musik. Es entsteht der Eindruck, dass ausgerechnet heute alles schlimmer sei und früher alles besser war.

Die raunende Angst vorm Weltuntergang ist ein vor allem von Rechten verbreiteter Irrglaube. Ich kenne das Gefühl, wenn politische Ereignisse erstmals ins Bewusstsein rücken und dadurch dramatischer erscheinen, als sie eigentlich sind. Doch die im Stück propagierte Weltuntergangsstimmung ist faktisch falsch. Daher hätte ich mir einen Bruch gewünscht, der damit aufräumt.

Nebenbei wird der Krieg in Syrien erwähnt, offenbar nur um deutschlich zu machen, dass man über die weltpolitische Lage Bescheid weiß. Auf diese Weise betreibt das Stück eine Gleichmacherei von Problemen.

Viele Begebenheiten wurden zu dramatisch inszeniert, sodass es mir schwer fiel, die politische Kritik ernst zu nehmen: Als Jugendliche*r mit Polizeigewalt konfrontiert zu werden, ist keine schöne Erfahrung. Aber niemand verschwindet in Deutschland, nachdem er*sie von der Polizei festgenommen wurde. Chill your base!

Natürlich ist die Welt im Eimer, das war sie schon immer. Ein emanzipatorischer Ansatz wäre jedoch gewesen, hinter die Mechanismen zu blicken, die uns glauben machen, die Welt ginge mal wieder unter, Rassismus und Sexismus würden heutzutage viel intensiver diskutiert als früher, und Deutschland sei zerrissener denn je.