SELBSTauslöser:
Frau Bausch
lässt herzlich grüßen

Zweimal so unterschiedliches Tanztheater.
Einmal lautes, sprühendes Theater, das anstößt und weniger tänzerisch im klassischen Sinne, dafür viel mehr alltägliche Aktionen in Tanzsprache übersetzt – und dann gestern leises, sehr viel klassischeres Tanztheater. Trotzdem gibt „SELBSTauslöser“ sehr natürliche und alltägliche, fast banale Rahmen in denen die Choreographien hängen, fünf Großrequisiten für fünf Tänzerinnen plus Paravent und Kamera.

Die fünf jungen Frauen bespielen sich einen anonymen Raum, füllen ihn erst mit ihren persönlichen Requisiten aus den Koffern, die sie mitbringen, dann mit sich selbst als Tänzerinnen und Persönlichkeiten. Jede hat ihr Thema, ihr Bild von sich selbst, ihren Wunsch auf die Bühne gebracht. Dabei ist der Abend sehr einfach und besticht durch die Fenster, die der Tanz öffnet, wenn er in alltägliche Situationen – etwa an einem Tisch – kommt.

Tanz im alltäglichen Raum, das erinnert an die Pina-Bausch-Tradition, in der in scheinbaren Wohnräumen plötzlich eine andere Art von Kommunikation und Selbstausdruck entsteht.

Tatsächlich berührt an diesem Abend vor allem der Tanz. Die Texte, die wahrscheinlich eher ein Weg zum Ziel waren bei der Arbeit an dem Stück, wirken eher wie Fremdkörper, als dass sie den Abend bereichern würden. Die Geschichten, die allein durch den Tanz erzählt werden, von der Sehnsucht nach dem Aus-der-Reihe-Tanzen, von einer Familie, bei der alle an einem Tisch sitzen und dabei trotzdem alleine sind, und immer wieder von Konkurrenz – sie sind sehr viel berührender als die Texte.

Die Choreographien an sich sind armlastig und zeigen damit, dass Arme eine sehr seelische , verzweifelte Ausdruckskraft haben. Sie werden gedreht und gebeugt, übereinander gelegt, sie verdecken Augen und ganze Gesichter und sind viel mehr mit der Stimmung des Moments verbunden als die Gesichter der Tänzerinnen. Besonders schön sind sie, wenn die Bewegungen tatsächlich eine Richtung bekommen und gegen Ende nicht verwackeln. Das ist oft so gewesen an diesem Abend.

Immer wieder tritt eine der Tänzerinnen mit einem ihrer Utensilien vor die Kamera und lichtet sich selbst ab, analog, wie in guten altern Zeiten. Die Bilder erscheinen erst gegen Ende, nachdem sie ihre Requisiten wieder eingepackt haben, ziehen sie die Rollos am hinteren Bühnenrand hoch und lenken den Blick auf eine Serie von Portrait- und eben dieser Requisitenbilder. Kurz blicken sie auf sich selbst und ihre Erfahrung in diesem Raum zurück, dann verlassen sie die Bühne.

Als Zuschauer bleibe ich dabei zurück mit dem Blick auf dem Raum und alles, was da war, und die ganze atmosphärische Enge bleibt irgendwo hängen, zwischen mir und den Fotos.