Selb, selber, am selbsten

Der Boss Kollegah hat ein Buch geschrieben. Einen Ratgeber, um genau zu sein. Das Werk trägt den Titel “Das ist Alpha: Die 10 Boss-Gebote”. Klingt wie eine Anleitung für das griechische Alphabet gepaart mit Bibelversen, stellt aber das literarische Debüt des Rappers dar.

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Juliane Liebert über das Buch: “Um weitere Experimente vornehmen zu können, hat man gerade Thilo Sarrazin, das angereicherte Uran des Sachbuchgeschäfts, auf dem Transfermarkt abgestaubt. Jetzt tritt Kollegah, dessen bürgerlicher Name Felix Blume absolut kompatibel mit dem Büchnerpreis ist, als Autor hervor – zweifellos der kernigste unter den Debütanten.” Während ich durch die übermäßig positiven Amazon-Rezensionen (4,7 von 5 Sternen) scrollte, überkamen mich wirre Existenzängste, die ich im folgenden Text gerne ordnen würde.

Wie wäre ich, wenn ich mein ideales Selbst entwerfen könnte? Sehr wahrscheinlich klüger, ganz bestimmt wohlhabender und niemals einsamer. Ich würde alle Menschen lieben und von allen geliebt werden, niemandem im Weg stehen und stets von einer Aura wohlwollender Beachtung umgeben sein. Ja, das kommt ungefähr hin.

Das ist die Frage, die bei Publikationen der Ratgeber-Literatur im Zentrum steht: Wie werde ich besser? Die Antworten reichen von“Ignorier alle anderen, werde Alpha” zu “Schalte deinen Kopf aus” oder “Hol das meiste aus dir raus”. In der Popkultur werden solche Fragen kurzerhand mit “Du bist toll/schön/einzigartig so wie du bist” beantwortet. Besonders letztere Aussage lädt Zyniker (mich) dazu ein, schmallippig zu lächeln und die Arme zu verschränken. Wir Berliner hören lieber Techno.

Leider sprechen wir bei den oben genannten Beispielen von geschlossenen Narrativen. “Du bist toll so wie du bist” schließt eine Verbesserung aus. “Hör nur auf dich selbst” ignoriert den Rat eines guten Freundes oder einer engen Freundin. Damit will ich nicht sagen, dass Lebensratgeber grundsätzlich Quatsch sind. Das wäre eine ebenso geschlossene Aussage. Vielmehr möchte ich meinen inneren Widerstand gegen dieses Medium zum Ausdruck bringen.

“Sei keine Laberbacke”

Das Thema der Selbstoptimierung steht und fällt wohl mit der Eigenwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung. Es muss ja jemanden geben, für den man sich anstrengt. Gehen wir einmal vom perfekten Tag aus: Du wachst noch vor dem Wecker auf, weil sich die Sonne an deinen Gardinen vorbei in dein Gesicht gemogelt hat. Du trinkst keinen Kaffee, sondern gehst joggen, lauschst den Vogeln und bereitest dir nach dem Duschen ein üppiges Frühstück zu. Du kommst überpünktlich auf der Arbeit/ in der Schule an und trotzdem ist das erste, was du hörst: “Du siehst unglücklich aus. Alles in Ordnung?”

Hier schließt sich eine Schublade mit Dir darin, aus der es nur schwer ein entkommen gibt. Wenn du verneinst, wirst du wie jemand angeschaut, der seine Probleme verdrängt. Versuchst du mit einem Lächeln zu kontern, spürst du, dass es dir bereits deutlich schwerer fällt, als noch am Morgen und du hast das Gefühl dich selbst zu betrügen. Der umgekehrte Fall ist auch möglich: Wenn wirklich alles furchtbar ist, du aber von deinen Kolleg*innen oder Freund*innen nur zu hören kriegst, wie fantastisch du alles regelst. Die Frage ist also: Richtet sich Selbstoptimierung nach außen oder nach innen?

Der Text mag bisher so geklungen haben, also würde ich im nächsten Absatz eine Lösung bieten. Das kann und will ich aber nicht. Ihr könnt der Frage aber im magischen Theater auf den Grund gehen: Hier haben Dr. Schaper-Straße und sein Team um Erika Pilz und Alice Parkdeck einen dreiteiligen Parkour aufgebaut, den ihr durchlaufen könnt, um euch selbst zu erkunden. Ich sage hier bewusst “erkunden”, nicht “finden”. Finden könnt ihr euch von mir aus beim Backpacking in Indien.

Im magischen Theater könnt ihr euren “Vergleichsmaßstab ablegen und andere soziale oder biologische Kategorien anlegen”, heißt es in der Programmbeschreibung. Und weiter: “Hier begegnest du deinen Fremdzuschreibungen. Hier transzendierst du in den Widerstand”. Schaut doch mal beim magischen Theater vorbei – wenn es nicht gerade in Strömen regnet. Ihr werdet vielleicht keine Antworten finden, aber die Tatsache, dass eure Fragen oder Gedanken gehört werden, kann extrem beruhigend sein. Obwohl euch vielleicht nur euer eigenes Spiegelbild zuhört.

Oder wie Kollegah in seinem Ratgeber schreibt: “Sei keine Laberbacke” Das ist zwar Quatsch, aber witzig.

 

Bild/Selfmade Records