See im Schlaflabor

You Dance Ensemble aus München performt am dritten Abend Blicke! Wir richten den Blick meist nach außen, bevor wir das betrachten, was in uns stattfindet. Bevor wir beginnen unser Verhalten aus einer reflektierenden Distanz zu sehen.

Ein Oval aus Tänzerinnen schließt sich unter der Leinwand, darauf ein projiziertes geschlossenes Auge. Die Künstlerinnen tanzen zu gebetähnlichen, klassischen und von Filmmusik inspirierten Klängen. Dabei schlüpft das Publikum in die Rolle von Beobachter*innen eines Schlaflabors und ist dazu aufgerufen sich dem Folgenden, ähnlich eines Traumes, hinzugeben.

Der spiegelglatte Untergrund lässt mich vergessen, dass vor mir eine Bühne ist. Wasser umgibt die Gestalten, die sich im See der Blicke fein ranken und erblühen. Der Winter ist vorbei, der Frühling beginnt. Wo sind wir gerade? Träumen wir alle? Sie bewegen sich in Slow Motion. Rennen ist nicht möglich, aber auch nicht von Bedeutung, denn die Tänzerinnen schweben in einem Delirium, mit geschlossenen Augen und getrieben von innerer Energie. Der nach innen gerichtete Blick und Einklang mit sich, wird durch Elemente der Eurythmie harmonisch performt.

Eine Hommage an die zwischenmenschliche Verbundenheit?  

Sie tanzen und bewegen sich. Die Augen immer noch geschlossen und dabei kollidieren sie nicht. Ist das Glück oder Timing? Spicken sie etwa? Der Mensch neigt dazu im Rudel zu bleiben, zu interagieren, auf sein Umfeld zu achten, sich selbst zurückzustellen und zu einem Gemeinsamen zu wachsen.

Die kurze Sequenz von klassischer Streichmusik wird von einem animalischen Trommeln dominiert, während die Performance einer undurchsichtigen Struktur folgt. Es fühlt sich nache einem Bruch im Geschehen an. Was erwarte ich?

Oder viel mehr, welches Verhalten erwartet eine Gesellschaft vom Individuum, wenn wir ihre Blicke auswerten? Vieles kratzt an der Oberfläche von dem, was den Menschen wirklich ausmacht. Einzeln und in der Reihe posieren die Tänzerinnen und erinnern an Mannequins. Trotz fehlender Eindeutigkeit meine ich eine Botschaft gelesen zu haben. Sie streichen mit dem rechten Arm über den linken, nach oben gestreckten. Selflove und das Inszenieren seiner selbst (à la Instagram): „Schaut her, wer ich bin! Bilder von mir an vielen verschiedenen Orten der Welt zieren mein Profil. Ich bin besonders.“ Plötzlich die Projektion des Publikums auf der Leinwand.

Wer wird hier beobachtet?

Unwohlsein breitet sich aus und Unkonzentriertheit. Sehe ich so aus, sehen wir so rational und steif aus, wenn wir Kunst in Form von Tanztheater ansehen? Ich bin ernüchtert. Vielleicht hätte ich in der vorher erbauten Traumbühne verweilen müssen, um dem Stück zu folgen wie bisher. Der Klang der Streichinstrumente hallt im Raum,  versucht mich heranzuziehen, während die wiederkehrenden Tanzabfolgen mich Abstand nehmen lassen. Mysteriöse Blicke einer Solistin gefolgt von ihrer eskalierenden Art des Tanzes, wecken Bilder von Schmerz und Rausch zur selben Zeit. Sie tanzt alleine, stark und wiederholt ihr Muster. Der Moment ist geteilt von einer Angst und Arroganz gegenüber der Außenwelt, die an Narzissmus erinnert. Die Betrachtung ihres Spiegelbildes bleibt aus. Eventuell sucht sie ihre Spiegelung, nicht im Untergrund sondern in den Blicken des Publikums. Ihr Rudel holt sie wieder ein und sie verschwindet in der Masse. Blicke formieren uns scheinbar stumm. Ad hoc sind Blicke immer eine Reaktion auf das Gesehene. Verstecken kann man sich nicht davor. Vor allem nicht auf der Bühne.

In einem Schatten der Scheinwerfer verschmelzen Hände zu einer Masse. Auch berühren sie sich fast wie in Michelangelos „Die Erschaffung Adams“. Riesige, monochrome Gesichter mit Abläufen emotionalen Geschehens werden projiziert und die Spannung des Anfangs ist für mich verflogen. Diese Blicke ruinieren meine Barriere, meinen Selbstschutz, meine Distanz als Zuschauerin. Es ist sicher auch ein Ziel dieser Performance und ihrer Performantinnen, das Publikum mit den Blicken zu durchbohren. Dies kommt vor allem zur Geltung als die Künstlerinnen in einem Spotlight stehen und auf scheinbar eine Person starren.

Mit ihren Gesichtern und der Mimik variieren sie, versuchen einen Fluss der Emotionen zu zeigen und ich schwimme darin hin und her, betrachte die verschiedenen Gesichter. So endet für mich das Stück. Es endet in Tanz. Aber auch in einem Chaos an Gefühlen, die durch Blicke kreiert und dominiert wurden, sodass ich nicht weiß, ob ich mit Ende gut, alles gut und ohne Gedankenkarussell einschlafen kann.