Schwimmen im Ruhepol

„Sei echt, sei du selbst, verstell dich nicht.“ Aber was, wenn man (noch) gar nicht weiß, wer man ist?

Das Ensemble von „Ganz nah“ hat es geschafft, die Teenager-Zeit in verschiedensten Facetten und all ihren Paradoxien zu zeigen. Was man will und was man soll, klafft meilenweit auseinander. Ich will gesehen werden, aber fühle mich doch zu beobachtet (und übrigens: Barbara fühlt sich sicher auch beobachtet, was für Creeps). Ich will allein und selbstständig sein, fühle mich aber gleichzeitig zu einsam, Ich will ernst genommen werden, erwachsen sein, aber nicht zu viel Verantwortung tragen. Und überhaupt, wer bin ich? Was ist dieses „Ich” genau?

Die Suche nach „dem“ Selbst, der Identität, die schließlich nur einem selbst gehört, ist dabei Motor des Stücks. Die Schwimmbadszene, die gleich zweimal aufgegriffen wird, ist dafür – in beiden Formen – beispielhaft für die Fragestellung des Ensembles.

Einmal wird das eigene Zimmer zum privaten Swimmingpool, zum Ruhepool. Der private Raum wird hier zu einem Ort, an dem die ständige Selbstreflexion stoppt, in dem man einfach nur ist. Arme ausbreiten und floaten, schweben im Wasser, und langsam das Gefühl für den eigenen Körper verlieren. Aber dieses Gefühl lässt sich (noch) nicht teilen, der Raum ist nur für eine Person offen. Eltern also bitte raus.

In der zweiten Schwimmbadszene wird Schicht für Schicht abgelegt. Oberflächlich geht es um Scham – warum ist mein Geschlecht plötzlich peinlich, warum muss ich mich jetzt bedecken? Aber das Bild der zehn (oder waren es mehr?) Badehosen ist auch ein Bild für die ständige Identitätssuche in der Pubertät. Einerseits sucht jede*r nach seiner*ihrer eigenen letzten Schicht, der letzten Badehose – „Wer bin ich denn, unter all den Rollen, die ich im Alltag spiele?“ – und andererseits scheinen auch alle anderen mehrere Schichten zu tragen. Die Frage ist dann nur, wieviele Schichten kenne ich schon? Oder trägt mein Gegenüber einen Neoprenanzug, den man nicht so leicht abstreifen kann? Die Szene ist deshalb in ihrer Mehrschichtigkeit eine der stärksten Szenen des Stücks. Hier kommen wir den Schauspielenden wirklich ganz, ganz nah. Und ebenso uns selbst oder (je nach Alter) unserem damaligen Teenager-Ich.

 

Durch die collagenhafte Dramaturgie des Stücks findet sicher jede Person einen Aspekt, der auf ihre Pubertät zutrifft. Was jedoch alle anspricht, ist die Verhandlung der Übersexualisierung von unseren Körpern. „Warum soll ich mich schämen? Warum ist es etwas anderes als früher, nackt zu sein? Habe ich nicht denselben Körper?“ Umso besser, dass es nicht nur bei der Übersexualisierung von männlichen Körpern bleibt, sondern auch der weibliche Körper vorkommt. Und genüsslich über Menstruationsblut gesprochen wird. Das ist immer noch viel zu selten.

Die Stärke des Collagenhaften ist zugleich auch die größte Schwäche des Stücks. Die Themen verweilen immer wieder in der Oberflächlichkeit, weil nicht genügend Raum gegeben wird, so in die Tiefe einzutauchen wie bei den Themen „Scham“ oder „Sexualisierung“. Vielleicht ist das auch nicht nötig. Kein Stück kann jede*n Zuschauer*in von dort abholen, wo er*sie sich gerade in seiner*ihrer Entwicklung befindet. Und muss das auch nicht. Die Oberflächlichkeit ist auch ein Kritikpunkt, der collagierten Stücken schnell an den Kopf geworfen wird, denn sie ist wohl auch Eigenschaft der Collage an sich – hier wird immer mehr angestoßen als ausgeführt.

 

Sophie