Schnipsel:
Reflexionen über Balanchine

Im Foyer erklingt Schwanensee, gehetzt und pompös. Auf dem Bildschirm läuft Black Swan: ein Ballettfilm, in der Hauptrolle Natalie Portman. Sie spielt eine Tänzerin, die in einen Strudel aus Sexualität, Besessenheit und Wahnsinn gerät im Ringen um die perfekte Performance.

Nach der Premiere des Films 2010 galt das Medieninteresse vor allem Portmans Gewichtsverlust, ihrer Diät und ihrem Workout-Plan. Überall tauchten Black-Swan-Diätpläne auf, die Ballettästhetik machte ein Comeback in den Modezeitungen. Es ist nicht ungewöhnlich, aber trotzdem traurig, dass ihre schauspielerische Leistung in den Hintergrund tritt, wie ihre Rippen in den Vordergrund rücken. Das Internet wurde überflutet mit Bildern ihrer diätischen Leistung, ein echter Ballerinakörper, sagt man. Aber was heißt das eigentlich?

Ballett ist eine Tanzform, die ihre Vergangenheit gerne zelebriert, unersättlich die Hits der eigenen Geschichte wieder auflegt. Welche Mechanismen der Selektion greifen dort? Einer der Namen, die ihre Relevanz wohl noch lange nicht verlieren werden, ist George Balanchine. Der Mitgründer Amerikas erster Ballettschule von Weltklasse und Choreograf von über 400 Stücken ist einer der einflussreichsten Vertreter des 20. Jahrhunderts in puncto Tanz.

Außerhalb der Ballettwelt ist sein Bekanntheitsgrad nicht so groß und doch begegnet man ihm in den verschiedensten Auswirkungen seines Schaffens öfter als man denkt. Von Balanchine stammt nämlich unter anderem auch das magere, langgliedrige Körperideal auf den Ballettbühnen, heute ein Weltstandard, den wir für selbstverständlich halten.

Grace Edwards schreibt für tresspass magazine*, es ängstige sie, dass sie einfach in ein Ballettstudio spazieren könnte und auf den ersten Blick, mit alarmierender Genauigkeit, erkennen kann, wer seine Träume erreichen wird und wer nicht. Ohne sie je tanzen gesehen zu haben: Anatomie wird zum Schicksal. Inwiefern ist das legitim? Sind Körper so berechenbar in ihrem Leistungsvermögen? Und was ist mit ihrem Ausdruck, ihrer Kreativität?

Das Ideal von Balanchine scheint auch mit den Anforderungen der Rolle und des Stils zusammenzuhängen, die er Frauen zuteilt: Sie wirken schnell, graziös, fragil, passiv, werden von Männern gehoben, aber heben nicht, kraftvolle Sprünge sind eher Männerdomäne, die Arme sind blumig und die Hacken berühren fast nie den Boden. Ist das mit einem modernen Frauenbild vereinbar? Die Notwendigkeit der exzessiven Dünnheit wird oft mit dem Argument der besseren Technik und sportlichen Möglichkeiten begründet, doch ein historisches Hinterfragen bietet auch andere Perspektiven. Es gibt einige Studien, die Nachteile von Mangelernährung untersuchen, wie die von Gorden (1983) in der männliche Tänzer über die Schwierigkeiten von Untergewicht und Hebefiguren reden.

Noch wichtiger als Studien sind vielleicht die Tänzerinnen vor Balanchine, wie Marie Taglioni, Tamara Karsavina oder Anna Pavlova. Sie zeigen, dass sein Ideal kein universal geltendes Muss ist, sondern auch nur eins in der Geschichte von Idealen. Und vielleicht löst sich der hartnäckige Griff des Zaubers um diesen Maßstab ein wenig, wenn man anfängt, ihn als das zu benennen was er ist: das Balanchine-Wunschbild.


*der ganze wundervolle Artikel hier: http://www.trespassmag.com/the-body-of-ballet/