Salam, Shalom:
Keine Rezension – Angstessay

Ich sage nicht gern »ich« in Rezensionen. Weil ich nicht so gerne von mir erzählen will, von mir an diesem Abend, sondern von der Bühne. Einmal pro Festival passiert es mir aber meistens doch, meistens am Ende, nur dieses Mal, dieses Mal vielleicht am Anfang, und zwar jetzt, heute, denn heute will ich von Ängsten schreiben, vielleicht wird das dann gar keine Rezension, von meinen Ängsten, und wie soll man das machen, ohne dabei »ich« zu sagen.
Zu meinen Ängsten. Man hat ja immer vor irgendetwas Angst, wenn man ins Theater geht. Manche haben Angst sich zu langweiligen, manche haben Angst vielleicht nicht alles oder nicht genug zu verstehen, manche haben Angst vor Nacktem, Blut oder Gedärmen. Und ich habe Angst davor, wenn ich ins Theater gehe, eingelullt zu werden. Ich habe Angst davor, dazusitzen und zuzuhören, hinzusehen, ganz aufmerksam, und trotzdem plötzlich nicht mehr zu sehen, was da wirklich passiert auf der Bühne, nicht mehr zu verstehen, worum es wirklich geht.

Die Produktion des Hannoverschen Ensembles wirkt mehr wie ein Versuchsaufbau als wie ein Theaterstück, und das ist ohne Zweifel eine der Stärken dieser Inszenierung. Elf Spieler, die die ganze Zeit auf der Bühne sind. Schlafsäcke, Wasserflaschen, ein Rucksack – occupy-Bewegung auf der Bühne eben. Sie erklären, sie wollen hier auf dem ttj, auf der Bühne selbst, eine Woche essenschlafenwohnen, Begegnungen begleiten, zwischen Deutschen, Israelis und Palästinensern, Kultur als Möglichkeit zum Dialog, ein Projekt zum Nahost-Konflikt. Man hat das Gefühl, in einer Performance gelandet zu sein, in einer Live-Reality-Show – oder vielleicht doch in der Wirklichkeit? Sie stellen sich vor, die Spieler, mit ihren eigenen Namen und vielleicht auch ihren eigenen Biographien, man weiß es nicht, alles wirkt so wenig eingeübt, so natürlich, dass man denkt: Sind die das jetzt wirklich? Oder sind das Figuren? Na klar, wir sind im Theater, das vergisst man ja dann trotzdem nicht, und na klar, biographisches Theater kennt man ja auch, und überhaupt sind wirklich junge Theaterproduktionen doch auch dafür da, Grenzen verschwimmen zu lassen, nicht zu ziehen, aber trotzdem – an diesem Punkt liegt in dieser Inszenierung eben der Hund begraben. Der israelische. Der palästinensische. Wie auch immer.

Dieses Versuchen, dieses Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion, dieses Verschmelzen aus den eh schon so vagen Begriffen von Realität und Theater, von Spieler und Figur, diese Probe, auf die das Ensemble seine Zuschauer stellt, sind das Besondere der Produktion. Und doch meldet sich auch genau da meine Angst: die Angst, manipuliert zu werden, eingelullt zu werden von diesem Wirklichkeits- und Relevanz-Schock. Von dieser Dauer-Aussage: Denn es geht ja hier um etwas. Um etwas Wirkliches, um etwas Wichtiges. Denn wir engagieren uns ja wirklich. Eine Spielerin sagt: »Das muss doch auch gut sein, wenn man sich für die Probleme anderer interessiert.« Ist es. Aber nur weil man sich für die Probleme anderer interessiert, ist nicht automatisch ein Stück gut.. Und ist das nicht ein Mechanismus, im Kopf, im Bauch, der dann manchmal greift? Wenn da echte Menschen mit ihren echten Geschichten sich für echte Probleme interessieren. Dass man gleich denkt: Das muss ja gut sein? Vor diesem Mechanismus habe ich Angst. Vor diesem und davor, was passiert, wenn man echtes Leben im Theater zeigen will, indem man so tut, als wäre das Leben da im Theater, da auf der Bühne echt. Und zwar echt auf dieselbe Weise wie die occupy-Bewegung vor dem Bundestag echt ist.

Ich habe Angst davor, eingelullt zu werden, von all den Fragen und Positionen, die da auf der Bühne gestellt und gezeigt werden, wie von echten Menschen, und zwar ganz unterschiedlichen, die dann alles so wirken lassen, als wäre alles ganz furchtbar differenziert und ausgewogen und vielfältig, ein echter Blick von oben – denn dann wird mir wieder klar, dass es den doch gar nicht gibt, nicht geben kann, den Blick von oben. Und werden Floskeln und Vorurteile wirklich automatisch ausgestellt, wird ihr gefährliches Potential automatisch entlarvt, nur weil sie auf der Bühne laut ausgesprochen werden? Oder werden sie dadurch nicht doch auch – in den Diskurs eingespeist? »Du darfst nicht immer so deutsch denken.« Deutsch denken? Man erfährt viel in diesem Stück darüber, wie die Deutschen so sind und die Muslime und die Israelis und so weiter – es ist nur schade, dass man irgendwann kaum noch zwischen subversiver Ironie und plattem Ernst unterscheiden kann.

Trotzdem wurde gestern klar: Das Ensemble aus Hannover glaubt an etwas. Daran, dass es Fragen gibt, zum Beispiel. Daran, dass man vielleicht nicht alles ändern kann, aber daran, dass man spielen kann, trotzdem, dagegen und dafür. Denn ihr Stück ist trotz allem nicht nur ein Stück über Politik, sondern auch über das Spielen selbst. Und so nehmen im Laufe der Inszenierung die theatralen Mittel doch nachhaltig Überhand; die Spieler schälen sich langsam in ihre grandios absurden Kostüme (Stelzen, Panzer, Scherenhände) und sie singen und sie tanzen und sie schreien, und das überzeugt dann auch viel mehr als alles eingespeiste pseudo-authentische Material. In diesen Momenten, in denen gespielt wird, in denen es ums Spielen geht, in denen die Bilder auch eine gewisse Verzauberung schaffen – in denen fällt meine Angst dann auch ein bisschen ab. Und ich habe das Gefühl zu wissen, was da gerade auf der Bühne passiert. Und am Ende will man den Spielern doch ganz eindeutig auf eine ihrer Fragen im Stück antworten: Ja, euer Projekt ist sinnvoll. So oder so.

Foto: Dave Großmann