Salam, Shalom: Händeringen

Kaum ein Konflikt der Weltgeschichte schwelt so langanhaltend wie der zwischen Israel und Palästina, und kaum einer ist mit der deutschen Geschichte – einer deutsch-jüdischen Geschichte – derart verbunden. Wer sich einem solchen Thema annähern will, steht vor einer ganzen Historie gescheiterter Lösungsversuche, vergessener Erklärungsansätze und verblichener Fragen nach einem Warum. Absolut entfernt von einer Ahnung, was eigentlich die Antwort sein könnte, ist es bereits unmöglich herauszufinden, was überhaupt die Frage ist.

Genau dieses Scheitern an der Frage inszenierte das Ensemble des Jungen Schauspiels Hannover am gestrigen Abend.

Eine Gruppe von zehn Jugendlichen erwartet Gäste aus dem Krisengebiet, um sie zu einem friedlichen Dialog einzuladen – aber keiner kommt. Sie erhalten E-Mails aus Palästina – aber die englischen Sätze ergeben keinen Sinn. Sie treffen endlich einen Jungen, der seine schreckliche Geschichte voller Unterdrückung und Terror erzählt – müssen aber herausfinden, dass er gar nicht aus dem Nahen Osten stammt, sondern aus Tunesien!, und wir stellen entsetzt fest, dass wir die komplexen verschiedenen Konflikte von der Ferne aus nicht einmal angemessen auseinander halten können.

In der Inszenierung dieses Scheiterns scheint die ganze Härte von Gewalt und Krieg eben dadurch auf, dass sie nicht aufscheint. Sie wirkt deshalb umso frustrierender und verzweifelnder, weil sie sich immer entzieht. Nichts, aber auch gar nichts, was die zehn Figuren auf der Bühne versuchen, kann dem Konflikt gerecht werden.

Und es wird viel versucht. Zum Beispiel gibt es energievolle Tänze und leidenschaftliche Lieder für den Frieden – aber nicht jeder kann tanzen und singen, und bald verklingen die Lieder und mit ihnen die euphorische Stimmung, die in ihnen zu spüren war. Oder es gibt theoretische Überlegungen über Toleranz und Einigkeit – aber die erweisen sich als unübersetzbar fürs praktische Leben. Selbst eigene Erfahrungen von Vertreibung und Unterdrückung können den Konflikt nicht fassbar machen. «Du bist doch selbst Jüdin!», heißt es an einer Stelle, «warum hast du keine Meinung dazu?» Ein Dilemma: Das Allgemeine scheint für den Einzelnen per se unbegreiflich, obwohl es jeden Einzelnen betrifft.

Und noch schlimmer: Je länger die Gruppe zusammen arbeitet, desto heftiger bricht ihre eigene Biographie in das Geschehen ein, desto deutlicher werden die eigenen Probleme im Hier und Jetzt, die einem den Blick in die Ferne unmöglich machen. Auf einmal verliebt man sich, auf einmal wird man in seinen persönlichen Erwartungen an den anderen enttäuscht, auf einmal will man einfach nur noch seine Ruhe haben. Je weiter das Stück fortschreitet, desto mehr hemmen sich die Figuren gegenseitig in ihrem Versuch, etwas für den Frieden im nahen Osten zu erarbeiten, desto weiter entfernen sie sich von einer gemeinsamen Frage. Das wird auch in den Kostümen deutlich: Aus zehn Jugendlichen, wie man sie auf der Straße treffen könnte, wird ein verrückt kostümierter Haufen. Einer trägt ein Hirschgeweih, ein anderer einen Neoprenanzug, ein anderer nichts als Unterwäsche, und wieder ein anderer läuft auf Stelzen.

Müsste man eine Geste finden, die die Gefühle nach dem Stück Salam, Shalom in sich vereint, dann wäre es vielleicht: Händeringen. Man möchte sich diesem Scheitern entziehen, man möchte, dass sich das Stück zu einem Aufschrei der Verzweiflung emporschwingt, oder zu einer plötzlichen Versöhnung – aber solche erleichternden Erlösungen bleiben versagt. Was bleibt, ist ein Gefühl der Beklommenheit, und dem Wunsch nach einem friedlichen, vereinigendem Salam, Shalom.

Foto: Dave Großmann