Salam, Shalom: Belagerungszustand

Eine Belagerung. Die HannoveranerInnen treten an, um die Bühne der Berliner Festspiele zu okkupieren. Eine Woche lang, sagen sie. Bis da endlich Frieden sei, zwischen Israel und Palästina. Eine Woche Zeit, um Gespräche zu führen, aufzuzeigen, dass ein Krieg an sich, dass das doch sinnlos wäre, um dann friedlich zusammenkommen – und das Übel aus der Welt schaffen zu können. VertreterInnen aus Isreal und Palästina sind eingeladen, lang könne es also wirklich nicht mehr dauern. Die TeilnehmerInnen dieses peacekeeping-Projekts stellen sich uns vor als SozialarbeiterInnen, KulturwissenschaftlerInnen, Studierende, Interessierte. Mit Wurzeln, ohne Wurzeln. Sogar Deutsche. Einfach mal was machen wollen sie. Und werden daran scheitern, das steht von Beginn an fest. Wir sehen inszeniertes Scheitern im Basislager. Wir verfolgen die Bemühungen, das Sich-Abarbeiten der AktivistInnen, befinden uns irgendwo zwischen Performance, Reenactment und klassischem Jugendtheater.

Dieser absurden und reizvollen Setzung folgt ein Abtasten und Durchdeklinieren von politischer Schuld, globaler Handlungspflicht, Verantwortung. Gemünzt auf Israel und Palästina, Nazideutschland, den eigenen Alltag. Wie ist das denn überhaupt mit den Juden und den MuslimInnen, was ist freiheitliches Verhalten, was Unterdrückung? Werden Frauen auch beschnitten, leben Muslime immer auch vegetarisch, weil sie ja eh kein Schwein essen? Muss ich als Jude patriotisch sein, sind Antizionisten Antisemiten? Israel ein faschistoider Staat? Gaza das größte KZ der Geschichte? Die Frage ist ja, was die Frage ist.

Auf der Bühne setzt Resignation ein. Die interkulturelle Mail-Kommunkation wird von Übersetzungsprogrammen sabotiert, die einen sagen ab, die anderen wollen dann auch nicht mehr, es lieber alleine machen. Und der vermeintlich einzige Palästinenser stellt sich auch noch als Tunesier raus. Ein Kulturwissenschaftler aus Hildesheim! Alles gescheitert: die Versuche der Kommunikation, die eingeübten Begrüßungstänze und –gesänge, die Lösungssuche. Die Hannoveraner JungschauspielerInnen erzählen damit etwas von der Unmöglichkeit, moralische Besatzung zu spielen und der Komplexität der Zusammenhänge, die es verunmöglichen, politische Wahrheiten zu finden. Sie verstricken sich in private Befindlichkeiten und Ideologien, sie machen uns ihr Scheitern offenbar.

Alles driftet ab, private Befindlichkeiten nehmen Überhand. Es wird sich verliebt und angeödet, angehasst. Sukzessiv wird der Kostümfundus geöffnet, da gibt’s dann ein Hirschgeweih und Unterwäsche-Männer. Mehr und mehr Songeinlagen brechen das ansonsten realistische Spiel. Wer singen kann, darf singen, wer nicht ganz so gut singen kann, darf es meist auch.

Das lässt etwas ratlos zurück. Es scheint, als hätte sich die bewusste Unentschiedenheit auf inhaltlicher Ebene, die thematische Verwirrung auch formal übertragen. Dem nahezu dokumentarischen Ansatz scheint nicht restlos vertraut worden zu sein, daher müssen Licht -und Hintergrundwechsel aushelfen, auch mal gesungen und getanzt werden. Überhaupt: Witze schon über der Grenze zum Albernen. Andererseits will man sich auf die Unterhaltungsschiene aber auch nicht festlegen, also wird der politische Diskurs stellenweise ermüdend ungerichtet durchexerziert. Man hätte sich mitunter etwas mehr Bosheit, etwas mehr Naivität gewünscht. Und weniger Demut vor dem Thema. Sagt, was ihr denkt, zeigt, was ihr zeigen wollt. Das kann doch Theater: (eindrückliche) Positionen markieren! Damit kann man scheitern. Aber das Scheitern schon vorwegzunehmen und uns nur die Bruchstücke liegen zu lassen, als inhaltliche Setzbaukasten, das ist vielleicht etwas zu wenig. Denn: Reibung entsteht so nicht, Diskussion auch nicht. Alles wurde auf Null gestellt. Wir wären gern weiter gegangen.

Foto: Dave Großmann