RUN BOY RUN

Es beginnt mit einer Geschichte. Die älteste Schauspielerin des Ensembles spricht von ihrem Großvater, der 40 Monate lang Militärdienst leisten musste. Der Rückweg von der Front in die Heimat war beschwerlich: fehlende Infrastrukturen erschwerten das Vorankommen, Kälte, wilde Tiere. Die Erzählung wird begleitet von einem Geräuschchor. Sehr atmosphärisch, wenn auch die Wangen-Pupse, die wie Gewehrsalven klingen sollen, irgendwann nerven. Müde erreichte der Großvater eine Farm, eine Frauenstimme erlaubte ihm, in der Scheune zu schlafen.

Eine kurze Loopstation-Einlage dient als Überleitung. Ein Beat mit Trötensound erinnert an den legendären Kazoo Boy. In der folgenden Szene wird ein Junge unterschiedlichen Anforderungen von seiner Familie gegenüber gestellt: zeige Stärke, sei emotional, sei beschützend, sei tolerant, folge deinem Herz, folge deiner Ehre! Die Persönlichkeit des Jungen teilt sich auf in einen primär erzählenden und einen primär handelnden Schauspieler. Die innere Gespaltenheit wird offenbar. Visuell unterstützt durch das Bühnenbild, auf dem ein stattlicher Hirsch umgeben von Rehen zu sehen ist.

Als Zuschauer denke ich bei der Frage nach Männlichkeit sofort an die Silvesternacht in Köln. Wo Frauen belästigt wurden, während männliche Freunde, Passanten tatenlos zuschauten. Die Welt titelte „Der moderne Mann hat versagt“. Zeit-Autor Adam Soboczynski schrieb zu dem Vorfall: „Es gibt den Beschützer in Deutschland nicht mehr. Natürlich nicht. Der Beschützer ist aus weiblicher Sicht doch eine lächerliche Figur (zumindest sagen das die Frauen).“ Kein schlechter Ansatz, man sollte jedoch-

Schnitt. Die Loopstation geht an, nächste Szene. Ein Russe erklärt seiner Tochter, wie man anständig Alkohol trinkt: Viel essen, sich selber eingießen, den Drink im Blick behalten, nicht durcheinander trinken, Pausen einlegen (15 Minuten pro Unterbrechung). Auch ein schönes Thema: Wie schützen unterschiedliche Kulturen ihre Töchter? Durch Aufklärung? Verschleierung? Geleitschutz? Das gab es so einen Zwischenfall letztens in der-

Nächste Szene. Es wird in einer Art Disco (oder Club) getanzt, eine erneute Gegenüberstellung männlicher Werte findet statt. Es geht auch darum, welcher Männertyp scheinbar erfolgreicher bei Frauen zu sein scheint. Dann wird ein Junge beschnitten. Eine gut gemachte Szene, sehr persönlich, viele Lacher, viele Sätze, die man vielleicht selbst schon gehört hat. Sowohl von den besorgten Deutschen, die sagen, „wenn du das nicht willst, dann rede ich mit deinen Eltern“, als auch die Gedankengänge des Jungen, die sich zwischen Vorfreude und Hilflosigkeit bewegen.

Anschließend wird häusliche Gewalt in Haushalten verschiedener Religionen dargestellt. Durch eine etwas lang geratene Live-Version von Quizduell wird versucht, Klischees über die heiligen Schriften der Christen und Muslime aufzuheben. Die Darsteller sollen raten, ob ein Zitat aus dem Koran oder der Bibel stammt.

Fast im Minutentakt werden Bilder in meinem Kopf produziert, eigene Erlebnisse und Erinnerungen, Ängste, mediale Ereignisse. Die Interviewszenen, die das Tempo aus dem Stück nehmen, sind gut gelungen, sinnvoll gesetzt, lösen meine Überforderung aber nicht vollkommen auf. Die Stärken des Stücks liegen in ihren ehrlichen Protagonisten, den Szenen, die das Publikum aus den Sitzen reißen (wie das Coming Out des Mädchens in der Kirche), oder es zutiefst berühren (als sich ein türkisches Mädchen gegen ihren konservativen Vater zur Wehr setzt), dem Humor, dem Gesang, der Vielschichtigkeit.

Das Stück endet, wie es angefangen hat: mit dem Großvater. Er wird nachts aus dem Schlaf geschrien. Die Frau aus dem Bauernhaus ist schwanger, benötigt seine Hilfe. Er trägt sie so weit er kann, bricht irgendwann erschöpft neben einem Brunnen zusammen. Durch ein Unglück fällt die Schwangere hinein. Er rennt weg. Das Fazit des Stücks wird gesungen: „Ich laufe Tag und Nacht. In einer Welt mit zwei Türen laufe ich Tag und Nacht.“

Ich verlasse nach stürmischem Applaus die Seitenbühne. Um mich herum wird bereits diskutiert. Viele erkennen sich in dem Stück wieder, oder ihre Eltern. Einige mussten Tränen lachen, andere fast weinen vor Rührung. Ein Stück, das uns alle in irgendeiner Weise etwas angeht. Leider wurden die vielseitigen und sehr relevanten Themen nicht ruhig auserzählt. Aber das Wort ehrlos fällt sehr oft.


Foto: Dave Großmann