Essay zum Schluss –
Der Tod der Identität

In «Immer spielt ihr und scherzt» ist mir die Figur des Todes aufgefallen – ein Auftritt, den ich sehr kritisch betrachten musste. Frage ich mich nicht nach der inhaltlichen Begründung für den Bruch, der durch einen klar definierten Auftritt des Todes – zwischen schwarzer Witwe und dirndelndem Mädchen – zu Stande kam, so hinterfrage ich seine energetischen Strukturen, jenseits seiner formalen Rechtfertigung. Sicherlich ließe sich sagen, der Tod sei etwas Jenseitiges, etwas, das das (Spiel-) Konzept des Vorigen bricht. Jedoch warum habe ich den Eindruck, dass sich die zuvor entwickelte Spannung und Energie der Spieler zur Impotenz, fast Passivität reduziert? Auch hier ließe sich argumentieren, dass das nun mal die Aufgabe des Todes ist: das Töten. Jedoch: Mich machen Spielanlagen dort skeptisch, wo sie dem Einzelnen Energien blockieren, ob merklich oder nicht.

Das Ensemble hat sich für eine Aufteilung der Rollen des Schlomo und des Hitler entschieden. Warum müssen sich alle dem Spielprinzip unterwerfen – selbst wenn im Einverständnis entschieden? Ich kann nur sehen, was gezeigt wurde, nicht, was nicht gezeigt wurde. Hier noch mal gesagt: Mir geht es nicht um eine inhaltliche Begründung, nicht mal um eine formale. Es geht mir um eine, die sich in den Energien des Individuums begründen. Hätte die Gruppe die Kraft gehabt, die Spielvorlage als Fünfpersonenstück zu inszenieren?

Warum ich das frage: Ich erinnere mich an das Aufführungsgespräch zu «Bürgen schafft», jemand stellte die Frage, wo denn die Hoffnung sei.
Ich habe jetzt alle eingeladenen Inszenierungen gesehen und mir fällt auf, dass es ein wesentliches Spielprinzip zu seien scheint, die Identität des Einzelnen zu Gunsten eines vereinbarten Spielprinzips aufzuheben. Sicherlich brachte Straubing Identitäten auf die Bühne – aber auch dort nur im Kontext der Vereinbarung, des gemeinsamen Mutigseins durch Schutz von Rhythmik und Tempo, zumal die Hauptfigur völlig verängstigt und verstört ist, der Herrscher ihm gegenüber Machtbesessen: Wie in «Peanuts», wie in «Amoklauf mein Kinderspiel», wie in… – es ließe sich fortsetzen.
In den «Peanuts» haben wir Typen gesehen – doch würden sich diese auch trauen, ihre Identität zu bewahren, wenn sie als Einzelpersonen dem Publikum begegnen müssten?
Auch «Anne Frank und ich» schafft es nur, die Emily als Schizophrenie des Angsthabens vor dem Zu-sich-selber-stehen zu zeigen.

Wir verspeisen den Vater in «Familiengeschichten» und laufen im «Kinderspiel» Amok gegen die Überväter. In «Bürgen schafft» erhängen wir Beppo und in «Peanuts» muss auch gleich noch der Zellengenosse dran glauben, weil er zu viel weiß. In «Topinambur» gehen nur noch Maschinen ans Telefon und Anne Frank kommt ins Konzentrationslager – der Tod spielt heuer eine Rolle, viele sterben dieses Jahr beim Theatertreffen der Jugend. Wofür steht das?

Natürlich ist es handwerklich eine wunderbare Leistung, wenn chorische Szenen sauber erarbeitet werden. Ich habe Verständnis dafür, wenn es oft mehr Spielwütige gibt als Rollen zur Verfügung stehen, wenn allein aus organisatorischen Gründen Prinzipien des Kollektivspielens (neu) erfunden werden (müssen). Doch ich vermisse den Mut des Zentrums, die Kraft Einzelner – die nichts mit Egozentrik zu tun hat, sondern als Basis der Identitätsentwicklung dient und dem Stück als Kollektivprodukt nicht schadet, solange die Identität dazu in der Lage ist, mit ihrer ursprünglichen Anschauung zu kommunizieren. Mag sein, dass das in den Probenprozessen praktiziert wurde – aber warum stehen dann auf der Bühne keine «Typen», sondern stereotype Ensembles (jedes für sich – nur bedingt alle als Gemeinsames)? Vielleicht ist es meine persönliche Masche, aber mich interessieren keine Gleichstellungen zu Gunsten einer Idee. Sie machen mich sehr skeptisch.
In «Immer spielt ihr und scherzt» ließe sich in diesem Punkt wieder inhaltlich diskutieren. Aber wie kann es sein, dass wir Verständnis von Zuständen in Zuständen ausdrücken und nicht Zustände als Muss zum Brechen dieser verstehen?
Auch «Lieblingsmenschen» spielt mit den einzelnen Lebens- und Beziehungskisten, guckt rein und spielt mit dem Inhalt – am Ende aber sind die Kisten wieder fein säuberlich verschlossen. Klappe zu, Affe tot. Veränderungen ausgeschlossen.

Wenn der Tod als einziger eine klare Identität hat, so macht mir das Sorgen – ich bekomme Angst vor einer Gesellschaft, die sich die Hoffnung zur Identität nicht mehr vergegenwärtigen möchte, sondern im Erfüllen der Idee oder des Prinzips ihre Identität meint, finden zu können. Doch Identität kann nicht im Gruppenkonsens auf Vereinbarung einer Idee entstehen, außer als Gruppenidentität, die sich als Kollektives auf den Einzelnen auswirkt. Wo bleibt jedoch die Identität, die sich auf den Einzelnen bezieht, ihn zur Grundlage, zum Ursprung der Rolle und seiner Handlugen macht?

Erzählen die Stücke auf dem diesjährigen Theatertreffen der Jugend auch vom Sterben der Identität, vom Sieg des Erfolgs, statt vom Mut des Scheiterns? Leben wir im Zeitalter der Wiedergeburt des Chorischen?
Wir essen den gleichen Müller-Joghurt und wir tauschen unsere Namensschilder, weil uns das eigene nicht mehr so wichtig zu seien scheint – wir verlernen die Abgrenzung zu Gunsten der Vereinbarung. Auf dem Weg zur S-Bahn werden wir von Verrückten niedergeschlagen.

Die jahrzehntelange Anführerin wird vergöttert – sie selbst nennt es halb kritisch, halb geschmeichelt „Personenkult“. Ist sie das Symbolbild für (scheidende) Identität? Auch hier, in ihrem Gehen, findet ein Sterben statt.

Ja, gemeinsam sind wir stark, aber ist der Einzelne auch an der Grenze seines Energiepotenzials? Ist nicht das Kollektiv Unterdrücker des Einzelnen? Zu Gunsten von was?

Ich kritisiere nicht, ich schaue und frage nur.

Foto: Maria Henning