Romeo und Julia:
Romeo Who?

Mit Humor inszeniert der Parkaue-Club 4 die ganz normalen Krisen, die während der Proben eines Jugendtheaters anfallen. Es ist der Moment des unerwarteten Einblicks in etwas, das für das Publikum üblicherweise verschlossen bleibt; nämlich die Genese eines Theaterstücks und alles was damit zu tun hat.

Zu Beginn teilt sich die Gruppe nach Geschlecht in Romeos und Julias. Sie sprechen im Chor die Anfangsverse. Bald muss die Form des Chors – die kollektive, präsente Stimme – unterbrochen werden, denn einer ruft, “Nein! Ich will nicht so ne Scheiße spielen”. Trotz Stress und Ärger wird versucht, sich an die Konventionen zu halten. Aber alle neu beginnenden Versuche, Shakespeares Stück, “ein richtiges Stück”, aufzuführen, werden abgebrochen. “Das hat gar nichts mit mir zu tun”, entzürnen sich die Romeos. Wer sind schon Romeo und Julia? Wir doch nicht! Aber wer sind wir dann? Diese zentrale Frage gibt nun Anlass zur Diskussion.

So wird im Stück systematisch die Rolle des Schauspielenden gebrochen, um den Effekt der Authentizität der daraus entstehenden neuen Rolle, nämlich die des dahinter stehenden jugendlichen Spielenden, zu erzielen. Die Choreographie visualisiert dabei die Gegenüberstellung der weiblichen Julias und der männlichen Romeos, die im Gespräch miteinander andere Namen, die eigenen nämlich, annehmen. Es wird zum Stück über Gruppendynamik. Wer nimmt welche Rolle innerhalb der Gruppe ein? So liegt der Fokus ganz auf den Spielenden, deren eigenen Interessen, Verliebtheiten und Abiturgedanken. Ist nun die Zukunftsplanung einer Karriere oder das Proben im Theaterclub wichtiger? Romeo und Julia, wird behauptet, sind es zumindest nicht wert, die Zukunft aufs Spiel zu setzen. Ein charmanter Idealismus schwebt daher im sich wiederholenden Ausruf, “Nein! Ich kann es doch nicht”. Theaterspielende müssen sich mit dem Gespielten identifizieren, um überhaupt spielen zu können. Zu wollen.

So ist das auch ein Spiel mit der Kunstform Theater an sich. Auf eine an Gott gerichtete Bitte tritt ein Amor ex machina auf. Die Rolle des Amors ist gleichzeitig die Rolle der Lina. Die Ebenen der Bühne und der Realität greifen ineinander. Denn Linas Papierherz wird in ihrer Rolle als Amor zum Instrument des schmerzhaften Zustechens, das eine direkte Konsequenz für das Spiel der Jugendlichen hat; denn sie gehen ungeplante Liebeskonstellationen ein. Daher bleibt das Stück nicht nur in einer humoristischen Dimension, sondern nähert sich einer Meta-Reflexion über das Theater an sich.
Diese Brüche werden vom reduzierten, passend eingesetztem Lichtwechsel zwischen Arbeitslicht und dem gedämmten roten Bühnenlicht realisiert. Oder durch die im Dunkeln einzeln von Taschenlampen angestrahlten Gesichtern. Das alles ist sehr atmosphärisch und trägt dabei subtil die verschiedenen Ebenen des Stücks. Man freut sich über einfache Mittel, die gelungen unterhalten.

Die Authentizität entsteht auch durch Sprücheklopferei, durch ein kleines Zitat eines FZ-Titels und durch eine angedeutete Partizipation im Falle Sebastians. Ein kurzweiliges Vergnügen! Und so ist am Schluss selbstverständlich klar: Romeo und Julia hat eben doch einen Gegenwartswert, denn die Auseinandersetzung mit dem Dramenstoff hat die Spielenden dazu gebracht, die literarischen Themen in ihre Lebensrealität zu bringen.

Am Ende wird gespöttelt über die typischen Phrasen, die bei Theateraufführungen fallen müssen: “Uns hat’s voll viel gebracht”. Dann auch der freche Hinweis, “Romeo und Julia läuft auch im BE, hier in Berlin”. Ja, und auch in der Schaubühne. Aber eben auch auf dem ttj.

Foto: Dave Großmann