Romeo und Julia:
Kalkulierte Risiken

Schon die Ansprache ist unverblümt: Man entschuldigt sich, dass man nun keine Eigenproduktion zeigt, sondern ein klassisches Theaterstück, das sei aber auch die Schuld von Spielleiterin Joanna. Das Ensemble tut nicht so, als sei diese Anrede echt. Alle sind sich darüber bewusst, dass sie auf einer Bühne stehen. Die Meta-Ebene wurde erfolgreich eröffnet. Der Parkaue-Club 4 ist das Risiko eingegangen, ehrlich zu sein. Und gerade dadurch hat das Stück gestern einen Raum mit so vielen Ebenen so leichtfüßig eröffnet – und die Zuschauenden von jeglichen Vorgaben befreit. Man durfte einfach Publikum sein.
Jetzt wird das Jugendtheater karikiert: Jungen und Mädchen stehen in schlecht sitzenden Hemden und Blümchenkleidern im Spot und sprechen – natürlich chorisch – den Eingangsmonolog. Doch schon hier geht es mit Shakespeare nicht mehr weiter: Julius ist das Ganze einfach zu peinlich, er bricht ab.

Es beginnt eine Auseinandersetzung – die Mädchen wollen die Sache jetzt einfach durchziehen, außerdem gehe es um Liebe und das berühre sie schon auch irgendwie. Es werden weitere Versuche gestartet, der Vorlage gerecht zu bleiben. „Wenn wir dürfen und es von der Zeit her okay ist“, wendet sich eine der Schauspielerinnen an das Publikum. Doch die Jungen verweigern sich (schon wieder!). Schnell wird der Streit persönlich. Die Gruppe schmeißt sich gegenseitig Vorwürfe und Beleidigungen an den Kopf. Die könnten ernst gemeint sein oder nicht, die Grenzen zwischen Realität und Theater verschwimmen. Bis es nicht mehr weiter geht und Lucie sich schließlich an Gott wendet. Und: Gott reagiert. Das Licht scheint plötzlich rot, die Musik läuft, Amor tritt auf und sticht einem nach dem anderen den Stachel der Liebe ins Herz. Die Jugendlichen liegen auf dem Boden und krümmen sich vor Schmerz. Es ist dunkel. Dann melden sich zaghaft und zerbrechlich die ersten Stimmen. Die Verliebten suchen und finden sich mit Hilfe von Taschenlampen. Die junge Liebe sprießt – und blüht schließlich auf. Alles fühlt sich an wie im Zeitraffer, aber trotzdem nah. Gegen die Charmebolzen von der Parkaue kann man sich kaum wehren – und noch besser, man will es auch gar nicht. Ihre Darstellungen sind kitschig, ironisch und treffen mitten ins Herz. Man will sich verlieren in dem Stück, man will wieder fünfzehn sein, sentimental werden, mitleiden, mitlachen. Und das Stück lässt es zu.

So schnell man sich verloren hat an diesem Abend, so schnell wird man auch wieder hinauskatapultiert. Das Ende, ähnlich dem Anfang, ist eine charmante Vertröstung und schließt den Rahmen um das Stück: „Sorry nochmal, dass wir Romeo und Julia jetzt doch nicht gespielt haben. Aber die Inszenierung am BE soll ganz toll sein.“

Eine der größten Stärken des Parkaue-Clubs, neben dem unheimlichen Charme des begabten jungen Ensembles, war seine Ehrlichkeit und seine Offenheit. Die ermöglichte die vielen Ebenen des Stückes. Es wurde nicht getan als ob. Von Anfang an war das Konzept offen und klar: Scheitern als Chance. Und so konnten Ängste reflektiert werden, über sich selbst, die eigene Zukunft, so konnte gespielt werden mit verschiedenen Realitäten. Und neben dem „wirklich“ Inhaltlichen, namentlich der Liebe, wurde es vor allem ein intelligentes Stück über Theater, über Erwartungen und über Identität. Shakespeare habe ich dabei nicht vermisst.

Foto: Dave Großmann