Romeo und Julia:
Crashkurs Shakespeare

Riskant gepokert vom Parkaue Club 4 des Jungen Berliner Staatstheaters: Romeo und Julia wollen sie machen, da müssen die Einsätze hoch sein und der Text ernst genommen werden. Lieber hätten sie sich an eine Eigenproduktion gewagt, wird sich gleich zu Beginn entschuldigt, zum Thema „Zukunft“ zum Beispiel, Abi, Umweltschutz oder so. Aber einfach keine Zeit während all der Prüfungen, da musste eben die literarische Vorlage ran. Diese ewige Geschichte über zwei verfeindete Häuser mit zwei verliebten Menschen, die erst zusammen sind, dann doch wieder nicht, dann wieder doch und am Ende sind alle tot. Der Chor tritt auf, der alte Groll Veronas wird aufs Neue heraufbeschworen. Doch lange geht das nicht gut.

„Ich kann hier nicht so eine Scheiße spielen“, tönt einer, der Streit verlässt Verona und betritt die Bühne. Arbeitslicht an, jetzt wird erst mal diskutiert, was hier gemacht wird und warum. Das ist ironischerweise auch genau das Spiel-im-Spiel, das wir schon von Shakespeare kennen, das Vexierspiel zwischen Sein und Schein, die Probe im Stück; bei Hamlet, Othello oder dem Sommernachtstraum. Es ist eben dieses Spiel im Spiel und keine performative Form, die gewählt wird. Es wird nicht aus der Rolle gefallen, weil nie wirklich eine da war und privat wird es auch nicht. Die vermeintlichen Privatheiten werden gesprochen wie Text und der Text, wenn er denn mal kommt, wie Privatheiten. Was ist wahr und was nicht? Eine Diskussion entspinnt sich um die Frage: Was soll der alte Stoff noch von uns und heute erzählen, rauscht er nicht gnadenlos an uns vorbei?

Ins Mikro der verzweifelte Hilfeschrei an die allerhöchsten Ämter: Gott und die Regie sollen helfen. Das tun sie tatsächlich, mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Romantisches Licht, die Dudelmusik, Amor, der eigentlich die Lina mit Flügelchen ist, schießt seine Pfeile. Damit haben die Parkauer Jungs und Mädchen nicht gerechnet, sterben unter bestialischen Schmerzen den Liebestod. Das Ineinander-Greifen, die Überlagerung von Stoff und Probe erreicht den höchsten Punkt: die unerklärliche Liebe, die schicksalhafte, die von Shakespeare, die man sich vielleicht gern erspart hätte (und damit alle die Probleme), wird zur Realität der Spielerinnen und Spieler. Sie befinden sich zwischen Probe und Spiel, alles zur Hälfte angedeutet, zur Hälfte der volle Ernst. Überfallartig dringt ab und an der alte Text in ihre Münder, streut seine Sentenzen: Sie können ihm nicht mehr entkommen.

In der Dunkelheit, nur mit Taschenlampen-Beleuchtung, werden die ersten, zarten Banden geknüpft. Wir sind gleichzeitig mit Taschenlampen unter ihren Bettedecken, als auch im theatralen Maskenspiel. Gegenseitig wird sich die Liebe gestanden, alle kommen irgendwie unter, bis auf einen, der sucht wohl heute noch. Da wird ein flacher Witz nach dem anderen abgefeuert, alles ist heiter und ehrlich ironisch. Die Schwellenangst vor Romeo und Julia überträgt sich auf die Anbahnungsversuche und dann wiederum auf das Spiel im Spiel. Das ist ungezwungenes, souverän und es macht Spaß, zuzuschauen. Ein Liedchen wird gesungen, wenn auch nicht aus vollem Hals, das Playback muss es tun. Und wo ist eigentlich diese Lina?
Auch hier geht es natürlich nicht ewig weiter, der Tag nach der ersten Nacht kündigt sich an. Grell und irgendwie anders als vorher, sieht man sich selbst und die Anderen. Der Zauber ist verflogen. Es wird sich getrennt und verlassen, Amor hat keine Pfeiler mehr im Köcher. Auch das Publikum muss gleich den Saal verlassen: Hier ist alles vorbei. Nur den Shakespeare hat man jetzt irgendwie vergessen. Kein Problem, den braucht nun wirklich niemand. Jedenfalls nicht mehr, als einfach den extrem charmanten Parkauer Jungs und Mädchen zuzuschauen, die in ihrer nur 33-minütigen Produktion in aller Kürze ganz viel von dem verhandeln, was Jugendtheater sein kann, wie Umgang mit Klassikern sein kann, oder, um nicht zu hoch zu greifen: Wie man befreit und humorvoll, unaufgeregt und ehrlich eine Bühne betreten kann. Dass die Themen dann doch etwas abgegriffen, nur angeschnitten daherkamen, sich kein großes, innerliches Nachbeben einstellte: geschenkt. Super!

Foto: Dave Großmann