Rezension: Hunger Games – Töten als Spektakel

Über die Kraft in Anfängen und wie man ein Publikum zum Töten bewegt.

Ein Mann in Plastikschürze, eine Frau auf Händen und Knien mit Schweinenase und rosa Ballon über dem Kopf. Her mit dem Bolzenschussgerät, nieder mit dem Schwein. Das ist schwer genug zu ertragen, wenn es einmal passiert, wenn einmal der Ballon platzt, die Schauspielerin in sich zusammenfällt und zuckend am Boden liegen bleibt. Diese Spektakel wird jedoch noch achtmal wiederholt, von Akteur*innen aus dem Publikum und mit sichtlicher Freude, während aus dem Publikum laute Lacher kommen. Gleichzeitig drehen sich Zuschauer*innen um und/oder weg und flüstern geschockt. Was ist hier passiert?

Warum findet sich auf der einen Seite Humor und Mitmachfreude und auf der anderen Ekel, Schock und Abwendung? Wie kann es sein, dass Zuschauer*innen während der Vorstellung den Saal verlassen und es am Ende Standing Ovations gibt? Wie kann diese Szene so polarisieren?

Das Ensemble hat die vierte Wand durchbrochen, das Publikum als solches nicht nur anerkannt, sondern vorgeführt. Wir mussten in den Spiegel schauen, den uns das Ensemble vor die Nase hält. 

Es hat eine einmalige Situation entstehen lassen. Denn es ist ja nicht nur verblüffend, dass sich Menschen aus dem Publikum gemeldet haben, um die Schlachtung durchzuführen. Die Meldungen kamen sogar unmittelbar nach der Frage. Und es waren zu viele Freiwillige, um alle an die Reihe kommen zu lassen. 

„Spektakel” ist dafür vielleicht der Begriff, der uns das Geschehen fassen lässt. Spektakel sind Momente, die einmalig sind, die Künstler*in und Adressat*in gleichermaßen prägen und die in sich als Metapher für eine moralische Verhandlung zu sehen sind. Wir als Publikum haben zusammen eine Schlachtung durchgeführt, die sicher jedes Mal anders verläuft. Es wurde nicht das Platzen von Ballons verhandelt, sondern die Frage, wie wir Lebewesen so „ästhetisch“, ohne Blut, töten können, und uns darüber freuen. Was wir sehen, ist nicht der platzende Ballon, sondern ein totes Schwein, das zuckend am Boden liegt.

Die Gleichung „Schauspieler*in = Tier”, war zwar visuell mit der aufgesetzten Schweinenase gegeben und ebenso durch die Haltung der Darstellerin, aber durch die starke körperliche Präsenz des Ensembles,deren über-reelles Zusammensacken und anschließendes Zucken am Boden wurde zwangsweise die Gleichung Tier = Mensch wieder aufgemacht. Wir wussten natürlich, dass sie Tiere darstellen sollten. Aber gleichzeitig war die erste Ebene (Menschen auf der Bühne strecken andere Menschen am Boden nieder) immer noch so deutlich, dass bei mir ankam: Wir töten nicht nur Tiere, wir töten Lebewesen, die ebenso denken wie wir. „Ey, ich will nicht mehr, meine Knie tun weh.“, sagt ein ‘Schwein’ und wird daraufhin als erstes geschlachtet. Wir töten uns selbst.

Die Szene war grandios, weil sie uns alle zu Täter*innen gemacht hat. Auch wenn es nur ein paar Menschen aus dem Publikum waren. Auch wenn es nur rosa Ballons waren. Auch wenn die „Schweine“ nach ihrem Ausflug auf den Teller wieder lebendig wurden. Ich habe mich schuldig gefühlt. Genauso schuldig, wie sich das Ensemble immer wieder präsentiert hat. Aus dem Kreislauf der Schuldzuweisungen kommt man als Weltbürger*in heute nicht mehr raus.

Das Geflecht der Schuld, das sich vom Hunger aus spinnt über Globalisierung, Essstörung und Migrationsursachen hat das spinaTheater gut erkannt. Es ist mutig, von einem Begriff wie „Hunger” auszugehen und vielen thematischen Fäden zu folgen, um letztendlich beim großen Ganzen zu enden. Leider endet das Stück zu sehr mit erhobenem Zeigefinger und konkreten Lösungsansätzen. Will ich als Zuschauer*in eineinhalb Stunden hören, was genau ich wie falsch mache? Nach dem sehr starken ersten Drittel der Inszenierung habe ich mich nach und nach gefühlt, als würde ich in einer Infobroschüre zu globalen Krisen lesen. Und das viel zu lange. Und ohne die Möglichkeit sie wegzulegen. 

Und auch die Sichtweise bzw. Position der Spielenden wird nicht immer hinterfragt. Warum spielen sie Flüchtende in einem Boot, warum spielen sie ein Kind in einem Dschungeldorf (?). Woher wissen sie, wie Menschen in solchen Situationen sich fühlen? Hier fehlt es an Reflexion über die eigene Position und Perspektive.

Das mindert nicht die visuelle Kraft des hervorragenden Bühnenbilds und die dramaturgische Leistung. Die Jurybegründung – „Das Stück ist noch nicht fertig” – trifft es dabei wohl am besten. Bei so einem starken Anfang hatte ich noch mehr erwartet, aber die visuellen und polarisierenden Augenblicke des Abends werden mich noch weiter begleiten.

Sophie