Rezensieren, ein Selbstgespräch

Luna
Keiner reflektiert so lang und so gut wie die Festivalzeitung, deshalb möchte ich mich heute mal selbst fragen, warum ich eigentlich rezensiere?

Luna
Ja, vielen Dank für die tolle Frage. Künstler*innen sind kein einfaches Völkchen. Sie zu regieren ist daher ein Balanceakt, und Regieren ist das erklärte Ziel der FZ. Zuckerrohr und Peitsche, wie die Sozialdemokraten das machen, das ist unser Stil. Die Rezensionen sind dabei natürlich die Peitsche.

Viele Ensembles erwarten die Rezensionen zitternd und bangend. Was sollen
sie bezwecken?
Disziplin. Wir führen aus, was sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung nicht traut anzupacken. Die FZ möchte den Kampfgeist fördern und fleißig Ellenbogen für den Verdrängungs-
kampf schärfen.

Warum hältst du dich für qualifiziert, diese Funktion zu übernehmen?
Ich stand selbst schon zweimal auf dieser Bühne, habe zweimal die unerbittliche Kritik der FZ über mich ergehen lassen. Der Therapeut, den ich seit meinem Besuch beim Theatertreffen der Jugend aufsuche, meint, die FZ ist gut für mich.

Von welchem Standpunkt aus bewertest du ein Theaterstück?
Wir haben einen Katalog mit dem Bildungsministerium entwickelt, auf dessen Grundlage bewerten wir die Performer*innen. Da wären zum Beispiel, wie schnell sie Sudokus lösen können oder ob sie sich ganz schnell im Kreis drehen können, ohne danach zu torkeln. Wir achten aber auch darauf, dass in den Stücken bestimmte Themen angesprochen werden, zum Beispiel wie ungerecht die Welt, das Leben, die Eltern und Donald Trump sind. Positiv bewertet wird auch, wenn die Performer*innen glaubhaft darlegen, dass sie einen Text aus dem letzten Jahrtausend (Literatur, Klassiker, etc.) gelesen haben und sich darin wiederfinden konnten. Zuletzt fließt noch der Würfelfaktor in die Gesamtbewertung ein, also welche Augenzahl der Redaktionsleiter am Morgen mit dem großen Bewertungswürfel ausgewürfelt hat. Eine gerade Zahl heißt „eher negativ”, ungerade heißt „vorwiegend negativ”.

Worauf achtest du beim Schreiben?
Vor allem darauf, dass ich genug Fassbrause getrunken habe. Unser Gehirn besteht zu etwa neunzig Prozent aus Wasser, Fassbrause zu noch mehr Prozent. Wenn man sich selbst nicht ernst nimmt, macht es sonst niemand.

Bewertest du Jugendtheater anders als Erwachsenentheater?
In den Augen der FZ sind alle Menschen Kinder.

Betrachtest du deine Rezensionen als Urteil/ als Bewertung/ als Kritik?
Ich betrachte sie vor allem als Poesie.

Gibt es Tabus beim Rezensieren?
Ja, wir müssen uns beim Rezensieren an eine grundlegende Kleiderordnung halten (FZ casual).

Wie gehst du damit um, wenn ein Ensemble sich verletzt fühlt oder beleidigt ist?
In der nächsten Ausgabe einen Witz drüber machen.

Was unterscheidet deine Rezension von dem, was die Jury schreibt?
Das ist ganz einfach. Die Aufgabe der Jury ist, für die FZ eine Vorauswahl zu treffen. Wir küren dann die tatsächlichen Sieger.

Möchtest du den Ensembles noch etwas sagen?
Mich interessiert nur die Form. Inhalt ist was für Pädagog*innen.

Vielen Dank für das Interview.
Es waren ein paar gute Fragen dabei.

 

Luna