Revolution Reloaded:
Räuber sind Punks

Gegen den Mainstream und die oberen Zehntausend.

So waren Räuber schon immer und sie werden wohl auch immer so sein.
Auch die Räuber aus Chemnitz sind Punks – und bringen ihre Lebenswelt mit Partys und Krawall auf die Bühne, inklusive Werten, die Schiller in seinen „Räubern“ schon 1781 propagierte.

Räuber sind laut.
Und das ist auch Revolution, wenn sie fürs 21. Jahrhundert „neu geladen“ wird, denn Revolution heute schmeckt nach Benzinkanistern, Pistolen und Sprechchören. Die Räuber und die Jugend revoltieren lautstark, früher und heute, gegen alles, was ihnen vorkommt.

Die KarateMilchTiger tun eben das und sind dabei sie selbst und nebenbei immer wieder Mitglieder von Schillers Räuberpersonal; sie sprechen den meisten Text chorisch, wechseln Rollen, Tote stehen wieder auf. Die Räuber wollen alles ändern, alles neu schaffen und ärgern sich über die Vorherigen.

Der Abend, den der Zuschauer mit den Punkräubern aus Chemnitz verbringt, beginnt mit dem außergewöhnlichen Bühnenkonstrukt, das nicht einfach nur da ist, um eben eine Bühne zu haben, sondern das Spiel unterstützt und ihm einen raum- und zeitlosen Charakter verleiht.

Nachdem die Spieler dem Aufbau entstiegen sind, erlebt man laute und leise Momente, wobei die lauten eindeutig überwiegen. Etwa wenn der Treueschwur zwischen Karl und seiner Räuberbande durch Licht auf engen Raum konzentriert wird und zum ersten Mal die Pistolen ins Blickfeld gerückt werden, sie damit den Modus ins aktive, gewaltvolle Revoltieren wechseln, dann ist das zwar ganz besonders laut, aber in diesem Moment wird die Kraft der jungen Spieler und die Radikalität der getroffenen Entscheidung in der Lautstärke so deutlich, dass es unglaublich berührt. Trotzdem sind es vor allem die leisen, die isolierten und privaten Momente, wenn die Bühne dunkel ist und plötzlich geflüstert wird, dann ist das eine reine und mutige Form von Theater.

Aber leider wird das, was einige schönen Momente des Abends macht – nämlich Kraft, Musik, und auch der kühle, fast selbstverständliche Umgang mit Pistolen – zu oft wiederholt; wenn im Lauf des Abends zum vierten Mal zu Musik gehüpft wird, dann ist das nicht mehr spannend und wirft die Frage auf: Macht die Jugend von heute wirklich nur noch Party?

Oder wenn die Feuerzeugpistolen, eine gefühlte Ewigkeit auf Kosinsky gerichtet, das Bild dominieren, dann stumpft die bedrohliche Wirkung ab; die ganze Situation wird dann schnell unfreiwillig komisch.

Dadurch wird das Bild, das eigentlich durch den unkonventionellen, freien Umgang mit dem Text und das größtenteils präzise chorische Sprechen beeindruckt, getrübt und am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Dass „Die Räuber“ und deren Werte heute immer noch funktionieren, damit beginnt der Abend, wenn ganz heutig die magische Grenze zwischen Spielern und Publikum aufgeweicht wird (ähnlich der vielen Performances quer durch die Republik).
Aber seltsamerweise gleitet der Abend nach diesem furiosen Einstieg immer mehr und immer tiefer in die tatsächlichen Ur-Räuber ab, da ist dann nur noch die Musik heutig und die Texte alt und die Rollen haben die Jugendlichen von heute im Griff. Und da wirken dann die langen Tänze, Knutschereien und Musikausspielungen eher wie pure Regiespielerei denn wie die neuen Wege, die der Anfang so beeindruckend versprochen hat.

Foto: Jan Stroetmann