Revolution Reloaded:
Bildet Banden

Ich hab die „Räuber“ eigentlich schon zu oft gesehen. Die schlimmste Version im Ingolstädter Stadttheater (das darf man hier doch auch mal sagen), die hatten eine 1972 gegründete und immernoch gedauerwellte, vervokuhilate Metalband. Das Problem hier ist nicht der Vokuhila (Frisuren sind Privatsache), das Problem ist 1972. Denen hab ich nicht geglaubt, dass sie noch an eine Revolution glauben, oder noch eine veranstalten könnten.
Wer, wenn nicht die Jugend, sollte die Räuber spielen? Jemand hat grad gesagt, er habe es niedlich gefunden. Niedlich, und putzig. Niedlich, dass die Karatemilchtiger gestern `ne Revolution machen wollten? Mit Schiller, nach Schiller, unter Schiller. Mit zu vielen zu ähnlichen Songs zum Headbangen und Schreien at the top of your voice.

Aber die Revolution ist nie niedlich. Man braucht Benzin und Knarren und Blut.
DIE REVOLUTION, UND DER SPAGHETTIWESTERN, SIND ERNST, ABSOLUTER ERNST.
Meistens. Der Glaube, der Glaube der Karatemilchtiere daran, dass es nochmal sowas wie einen langen Prozess, wo der einzelne anders werden muss, geben könnte, der blieb noch hinter der selbstironischen Brechung immer bestehen. Man müsste mal untersuchen, ob es den meisten gescheiterten Revolutionen nicht einfach an Humor gefehlt hat. Und deswegen hab ich das Stück so gemocht.

Die Frage ist natürlich, was Schiller gemacht hat. Vielleicht hat man damals auf Gamben geschrammelt und Hammerflügel zerdroschen.

Schiller war 22, als er ein Stück voller Pathos, Tod, Leidenschaften und Leiden schrieb: „Die Räuber“. Die Kanallie Franz schwärzt seinen Bruder Karl beim Herrn Papa an – ja, Karl hatte gespielt und gehurt, aber nicht so schlimm. Und eigentlich will er nur zurück nach Hause. Aber weil er das ja jetzt nimmer kann, gründet er eine Räuberbande.
Und weil ein Mann (und erst Recht ein Räuber) tun muss, was er eben tun muss, raubt, mordet und brandschatzt Karl. Die Räuber wie Schiffbrüchige im Wald. Seine Amalia, die ihn liebt und die er liebt, wird von Franz bedrängt; als Karl zurückkommt, ist es zu spät.
Bei Schillern saniert Karl als letzte gute Tat mit seinem Kopfgeld einen Tagelöhner. Bei den Karatemilchtigern Schleife, rewind, zurück ins wilde Räuberleben, auf ihre Insel, in ihre Burg, in ihr Ufo, bereit, sich rauszuschießen, gegen die Übermacht. Ein Himmelfahrtskommando, das deutsche Wort für Kamikaze, in den Himmel fahren, sofort. Wie bei „Butch Cassidy and the Sundance-Kid“ stoppt der Film, bevor das Tataratatatatarartata-bäng der Kavallerie die Räuber durchsieben würde. Tod oder Freiheit. (Der junge Paul Newman als Karl Moor, was ein Gedanke, yeah, so nebenbei.)
Am Schluss, wusste man, würde alles brennen. Und zwischendurch hatte ich Angst, dass wirklich was kaputtgehen würde.

Technisch, und so: I‘ve seen the light. Und diese Bühne, Insel im Wald und Burg und Rampe. Und alle haben richtig perfekt chorisch gesprochen, dieses Gruppenmonster, dieser Karatemilchtiger. Und jeder Mundharmonikaplaybackeinsatz richtig. Wow.
Wahrscheinlich gab es zuviel ähnliche Musik und Headbangen.
Ob zuviel Headbangen irgendwie irgendwann vielleicht doch nicht gut fürn Kopp ist, eine Frage, die ich mir schon seit langem stelle – ich frag mal einen Arzt. Vielleicht nur nicht gut für Köpfe über 20.
Aber das war mir egal. Was bleibt sind Momente von unglaublich reiner, pathetischer, idealistischer Größe. Ein dumpfes Gefühl im Bauch, Solarplexuskribbeln. Blicke auf was Großes, Wahres, Reines, Richtiges. Liebe und Sterben und Feuer. Die Welt geht unter in Theaternebel und Girarrengeschrammel.
Du scheinst tief gerührt? Oh ja, oh yeah.