RAUSCH: Faust als Partypille

Als die Zuschauer*innen den Raum betreten, steht das Ensemble „TheaterLabor Tanz JUNGES RESI“ schon in eingefrorener Pose auf der Bühne. Eine Faust-Interpretation soll es werden. Die Gesichter, die gleich zur Spielfläche von Leidenschaft und Ekstase werden sollen, sind noch blank.  Wie an Statuen in einem Museum kann man an den Tänzer*innen vorbei laufen.

Von Anfang an kreieren sie eine starke Vision: das Gefühl, hier existiert etwas, das nur sie wahrnehmen und das durch ihren Tanz sichtbar wird. Das Objekt des Verlangens als eine versteckte Kraft, die im Raum existiert, die Wege der Tänzer*innen beeinflusst und für die Zuschauer*innen bis zum Ende unergründlich bleibt.

Als die Figuren erwachen, eine nach der anderen, blicken sie sich verwirrt um. Sie spüren die Präsenz dieses Anderen, sie erzählen mit ihren Gesichtern dem Publikum davon. Fast mit Entsetzen tritt einer der Tänzer zwei noch versteinerten entgegen, nähert sich ihrer Unbewegtheit. Die Figuren beginnen sich selbst als Körper zu entdecken, sinnliches Schulterkreisen, klappmesserartige Bewegungen. Ein Zucken in den flüssigen Rhythmen des Begehrens.

Aus der Gruppe heraus tritt Mephisto in Erscheinung. Er verführt das Publikum und sich selbst mit schlangenartigen Bewegungen. Langsam baut er seine alles einnehmende Körperspannung auf. Rausch fängt in Bewusstwerdung an und gleitet in Genuss.

Zwischendurch wird den Zuschauer*innen eine Definition vorgelesen, die darüber aufklärt, was Rausch ist.  Die Distanz und der Allgemeinheitsanspruch wirken an dieser Stelle eher störend, die Idee ein wenig zu abgedroschen.

Schließlich fallen auch die anderen Tänzer*innen in energiegeladene Trance. Der Körper als Kreisel, der sich in die Luft bohrt, immer mehr Schwung sammelnd, immer schneller, besessener. Doch ist es wirklich Trance oder einfach nur ausgelassene Tanzwut? Hier und da fehlt es an Ausdruck und Körperspannung; die Wirkung wird dadurch stark gedämpft.

Wie schon häufiger diese Woche steht auch bei diesem Stück das Tanzen mit einem*r Partner*in im Vordergrund. Jede*r sucht sich eine Projektionsfläche und treibt sein*ihr Spiel mit Distanz und Nähe. Bei diesem Stück faszinieren vor allem die Augen der Performer*innen. Es scheint, als wäre ihr Ich, das man sonst in ihnen zu erkennen meint, durch etwas Anderes ersetzt. Als wäre der*die Einzelne nur noch eine Hülle, die vom Verlangen bewohnt und belebt wird. Das führt zu Szenen, die im Gedächtnis bleiben:

Wie die Gruppe auf dem Boden sitzt und gesteht, was für sie Rausch ist. Sex Schokolade Haut Ausschlafen Anfassen. Oder wie sich die Gruppe formatiert und eins der Mädchen in den Vordergrund tritt und sich langsam am ganzen Körper berührt, sich sich selbst hingibt. Er und sie. Sie und Sie. Ich. Ich. Du. Ich. 

Schließlich bricht die Stimmung, die Bühne verdunkelt sich. Beschwörendes Geflüster hebt sich aus dem Schwarz.

Komm her. Hab keine Angst. Tu doch nicht so. Vertrau mir. Ich sehe doch wie du mich ansiehst. Ich verspreche dir alles was du willst.  Lass es zu. Ich liebe dich so wie du bist. Ich will dich. Komm. Gib mir deine Hand. Komm. 

Die versteckte Botschaft darin ist deutlich – vielleicht ein wenig zu deutlich: Der Rausch hat seine Kehrseite.
Hier spielen sie mit Kontrasten, die schon fast etwas moralisch, belehrendes haben: Es geht sofort wieder zurück in die Ekstase, die in einer plakativen, aber ehrlichen Partyszene endet. Es macht Spaß zu sehen, wie die schaufensterpuppenartigen Tänzer*innen vom Anfang nun so gelöst und ausgelassen feiern. Doch wie das Stück im Gesamten, ist auch diese Szene sehr schnell vorbei. Das Wort Rausch scheint unerreicht zu bleiben. Und dem Zuschauer wird nur noch ein kryptischer Monolog serviert.

Foto: Dave Großmann