Punk Rock:
Techno-Streber
auf Aggrokurs

Night of violence bei den Münchner rich kids, Amoklauf im Remix. Aber wo steckt eigentlich das Original?

Elite-Uni rückgekoppelt, Synthie-Welt und Maschinensound. Die rich kids aus Stockport als Jugend-Melodram 2.0, gefangen zwischen Cyberpunk und Teenage Angst. Mit Live-Kamera durch die Gänge und alle Gänge hochgefahren. Eingeschult wird unter Klarnamen, keine Schonfrist: Examen stehen an. Die Spieler/innen abgefilmt auf Toiletten und Hinterbühnen, Nabelschau im Close-Up. Typus gewaltbereit und gutaussehend vs. keckes Flittchen feat. armer Irrer. Diese Körper wurden von MTV geformt, sind Alec Empire wie Tyler Durden. Im Vexierspiel zwischen Projektion und Unmittelbarkeit hört man klare, pure Worte neben grob Getöntem. Amateurvideos abgelöst von der Geste des Großschauspielers. Man dreht selbst das eigene Biopic, mixt den Soundtrack of our lives gleich dazu. Mit Popcorn vor der Leinwand, die einen selber zeigt. Jugendlichkeit als dauerhafte Repräsentation. Scheinwerfer werden von Hand geleuchtet, die Nebelmaschine reingetragen. Eine offene Bühne, die doch keiner verlassen kann. Die selbst erschaffene Illusion verschlingt sie alle.

Die Posen sind einstudiert und neu erfunden, Heranwachsen als Remixkultur. Für das richtige Erleben stets den Tick zu spät. Paradox der Clubkultur: Der Remix erst erzeugt das Original und das will dann niemand mehr hören. „Es passiert schon und es passiert in diesem Moment“, gesagt und schon vorbei. Da feedbackt es zwischen den Ebenen und das Tonband knarrt. „Geld her“, brüllt Alex zu Leo, dem Daueropfer, zigfach geloopt. Es hängt die Platte und keiner weiß weiter. Es rappelt ordentlich im Karton, Naomi klingelt neu an der Cliquen-Tür und die Gang lädt zum Stelldichein. Carlo präpotent und naseweiß, als ersten Streich entjungfert, die anderen sind an kurzer Leine gehalten. Das antipodische Kollektiv im emotionalen Vakuum gefangen. Techno-Streber auf Aggrokurs. Kohle haben sie alle, doch einer muss die Zeche zahlen. Die „Explosion von immenser Größe“, wispert Hobby-Experte Leo, wird ihre Krater schon noch reißen, das ist Physikunterricht als Soziologie.

Was diese Machoschläger und Suburb-Feingeister, die filles fatales und die dicke Wanne allerdings für Probleme haben, weiß niemand so genau. Es kippt die Inszenierung, wo Unterspieltheit sich ins Gegenteil verkehrt und die Technik sich selbst genügt. Wo um keinen Betrag gerungen wird, wo die Pose keine Überhöhung, sondern nur mehr Kopie von etwas ist, dessen Original längst verschüttet wurde. Dann wird mit gleicher Intensität alles verhandelt, wird jeder gleich geprügelt, über alles gleich geheult, da sind Wehwehchen gleich wie extreme Tat, die Dynamik pegelt sich da selber aus.

Dass diese Mit-Allen-Wassern-Gewaschene, die Gefühls/Gewalt/Dauerjunkies vor schlechten Noten, Prüfungen, Liebeskummer zittern sollen, kann keiner glauben; dass statt Stärke auch noch Schwäche ist, ist zumindest nicht zu sehen. Dabei war sie das, zu Beginn, als der Flirt noch frisch und die Eindrücke neu waren, als man erste Blicke durch Schlüssellöcher warf und etwas von dem erahnte, was da kommen könnte, an Intimitäten, Brutalitäten. Die Darsteller/innen, denen man an den Lippen hing, konnten nur noch aus der Ferne betrachtet werden. Wie sie; vom eigenen Rausch angefixt, mehr erleben wollten, als die Situation hergibt. Was da vorgab, unter allem zu brodeln, war bloß der Bass, der waberte.

Foto: Dave Großmann