Punk Rock: HAPPY FAPING

Industrial Punk, mechanische Eskalation und weniger Penis, als erwartet  

„Fuck me, bitch!“ Verkrampfte Coolness, überall Popcorn, Bier, hechelndes Masturbieren, hallendes Orgasmusgeheul, rotes Licht, welches ständig umpositioniert wird, Dark Ambient und überall Schulexamen. Der Sog mesmerisiert, hat seine Wirkung. Das Ensemble nutzt den Raum. Sie rennen, verschieben, werfen umher, krabbeln unter den Tisch und verlassen die Bühne, während sie das alles filmen. Sie interagieren raumdurchbrechend und wild durcheinander.

Die dreckig dargebotene Trainspotting-Ästhetik ist leicht zu erschaffen: Sie rotzen überall Popcorn hin und kritzeln Worte aus Kreide auf die Bühne. Der Bass wabert, alle schwitzen. Es klingt ja schon cool, wenn man es nur beschreibt (s.o.).

Wir finden stereotypische Rollen in diesem Amok-Fass, in dem sich die Gewalt summiert: das penetrante Riesenarschloch Carlo, der total weltentfernte Leo, „die fette Wanne“, die ficksüchtige Naomi, etc. pp. Als wäre diese Konstellation die einzig Mögliche, um einen Amok zu generieren. Carlos unterdrückte androphilen Gelüste erklären nebenbei all seine Gewaltausbrüche – also bitte, denkt euch was Neues aus. EXAMS steht groß mit Kreide auf den Boden gekrakelt. Ein surrealer Moment. All ihre klischeehaften Rollen zerfallen geradezu in der lächerlichen Wiederholung der nahenden Prüfungen und der Notendiskussion. Ihr Leben wird zur Bagatelle.

Die Gewalt summiert sich repetitiv und roh: „Geld her!“ Carlo nervt wirklich alle im Raum und auch das zeigt Wirkung. Aber letztlich bleibt wenig Substanz hinter dem Dreck und dem Sabber. Hinter dem wabernden Bass wird eine Gewalt antizipiert, die sich „irgendwo“ aufhält. Der Moment der Eskalation bleibt ein Mysterium. Nichts erklärt diese Entscheidung. „Soll ich auf den Boden machen?!“ Nachdem Naomi ihm klar macht, dass sie nichts von ihm will, verliert sich Alex, bemerkt, dass er nur den Raum einnimmt, der er ist. Es hindert ihm nichts am Blutbad, weil er es kann.

Sie stellen sich immer wieder die Frage, wie sie dem zirkulären Gewalttümpel entkommen können. Die Zirkularität wird einfach ungeklärt inszeniert – wie ein Prozess, der überall auf der Welt zielgerichtet abläuft und in Gewalt endet. Sie kommen hier nicht raus. Leo redet von parallelen Realitäten aus Antimaterie, zu welchen der Tod dem Menschen Zugang verschafft. Alles läuft auf das kakophonische, farblich invertierte Ende. Die Realität verändert sich für Alex in seinem nihilistischen Tunnelblick. „Nichts, was Menschen tun, ist gut.“

Der Medieneinsatz ist beeindruckend. Aber natürlich sieht es gut aus, wenn die Kamera auf die Leinwand gerichtet ist und infinite Bildwiederholungen erzeugt. Sie ist vor allem ein Mittel zum Einfangen der Gewalt. Überall halten sie mit der Linse drauf, führen ihr Happy Slapping Live auf. Sie verkörpern den Fetisch und die Geilheit, die sich selbst fixiert. Sie sind die in-sich gekehrte Pornographie. Sie nutzen ihre Klarnamen. Man könnte meinen, sie fänden es geil, sich auf der Bühne zu verdreschen und zu begrapschen. Das Ensemble spielt an sich rum und wir gucken ihnen beim Masturbieren zu. Wie sie sich mit Popcorn bespucken, im Sabber sulen und Gummibären ins Maul stopfen. Und schnell wird mir bewusst: Da vorne passiert nichts.

Foto: Dave Großmann