Punk Rock:
Exhibitionismus
und Exzess

M8MIT! erfindet eine Jugend

Jedes Atom besteht zu über 99% aus Leere. Auch wir. Diese Leere füllen mit Fressen, Saufen, Ficken und ein bisschen Punk – der Plan der sieben Jugendlichen eskaliert in Gewalt. „PUNK ROCK“ sucht nach Fehlern im System. Gezeigt wird eine Jugend, die schonungslos, intensiv und fragil zugleich keine der Figuren unbeschadet lässt. Das Stück über die blanke Angst vor dem Dasein endet mit dem Unvermeidlichen.

Das Theater ist die Institution. „Ich hasse diese Leute“, sagt eine Darstellerin und meint das Publikum. Wer ist diese blinde Masse, der ich mich präsentieren muss? Was wollen die, die immer nur zusehen oder wegsehen, wenn etwas mit mir passiert? Muss ich denen gefallen? Und dann doch ein fast exhibitionistisches Spiel. Ein Großteil der Inszenierung findet vor laufender Videokamera statt. Auch was hinter der Bühne passiert, wird gezeigt. Auch, was in einer Person stattfindet, wird öffentlich. Es entstehen intime Bilder, ein fingiertes Lebensgefühl. Mit viel Effekt, wenn nicht sogar Effekthascherei, macht diese Inszenierung den Zuschauer zum Voyeur. Und tatsächlich springt etwas über von der Lust am Theater. Perspektiven werden verschoben, Räume eröffnet – „PUNK ROCK“ ist eine wohlkonstruierte Versuchsanordnung.

Zuletzt wandelt ein Amoklauf dieses Experiment doch noch in ordentliches Jugendtheater. Kunstblut und Videofilter für den pädagogischen Effekt. Und dann wieder diese Leere. Der Täter steht ein letztes Mal auf der Bühne, erklärt, dass es keine Erklärung gibt für seine Tat. Antimaterie lässt sich nur für wenige Minuten isolieren und untersuchen – vielleicht ist es nicht sinnvoll, im Theater die ganz großen Fragen zu stellen. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass sich das Jugendtheater von einer pädagogischen Erwartung befreit. Das wäre Punk auf der Bühne!

Foto: Dave Großmann