Punk Rock: Endlich:
„Schloss Einstein“ in der
FSK 14-Version!

Wanne will den Mathelehrer. Alex will Naomi. Naomi will Julius. Ob Julius sie genauso will, weiß man nicht, aber für Sex auf dem Herrenklo reicht’s. Carlo und Clara wollen sich gegenseitig, wobei Carlo auch mal mit Julius knutschen will. Leo will irgendwie niemanden, und niemand will Leo. „Punk Rock“ von Simon Stephens erzählt von einer Schulclique, in der jeder ein Problem hat.

Wanne ist zu dick, Naomi verletzt sich selbst, Carlo ist pathologisch aggressiv, Clara hat Stress mit ihrer Mutter, Leo ist ein Nerd und Alex läuft Amok. Jeder wird von jedem gemobbt, am meisten aber alle von Carlo. Das klingt nicht sehr neu oder überraschend, aber es gelingt dem M8MIT!-Ensemble, am Anfang mit gut gefilmten Videobildern und pointierten Dialogen eine atmosphärisch dichte Welt zu schaffen, in die man sich gern hineinbegibt. „Naomi, sag mal, wovor hast du Angst?“, fragt Alex. „Dass ich morgens aufwache, und jemand steht in meinem Zimmer“, sagt sie. Dann will sie ihn küssen, aber er will erst mal ausgehen. „Ich bin keine Maschine“, sagt Naomi, „ich bin ein Tier. Und ich kann keinen Scheiß-Freund gebrauchen.“

Diese Zartheit, die es braucht, um auch etwas roh und gewaltig wirken zu lassen, verliert die Münchener Inszenierung allerdings ziemlich schnell. Die Spieler gehen so sehr in ihrem Aggro-Exzess auf, in Schlagen, Brüllen, Spucken, dass zum Schluss kein Raum für leise Töne bleibt. Dabei wird das ganze Vulgärsein („Ich würd sie ficken, bis sie kreischt!“) zur bloßen Pose, die dem Stück letztlich seine Strahlkraft nimmt. Wenn alles nur noch krass ist, ist am Ende nichts mehr krass. Nicht mal Kunstblut in Negativoptik oder Bühnenebel in Permanent-Rotlicht. So stellt Wanne auch fest, als sie Carlo in einer seiner Mobbingattacken stoppen will: „Du bist so langweilig!“ Wer nur schreit, wird langweilig. Und: Wann waren Bierduschen denn schon mal krass?

Klar, auf der Bühne wird viel geweint und viel gebebt, aber unter all dem Pseudo-Ballast (wie die nie interessant bespielte Zettelwirtschaft auf dem Bühnenboden) werden die Figuren so flach, dass es schwer fällt, an ihrer Geschichte dranzubleiben. Clara z.B. gibt stets nur die hohle Gangsterfreundin, die jede Grausamkeit von Carlo mit drögem Gelächter anfeuert. Angst hat sie nur vor Mama und Prüfungen: „Wenn ich nicht die Noten für meinen Studienplatz kriege, keine Ahnung, was ich dann mache!“ Das klingt nach Selbstmord und Durchdrehen, und das nimmt man der Figur in einem Land, in dem man dank BaFög auf Stipendien nicht so dringend angewiesen ist, nicht ab, wo Wartesemester samt Einklagen eine ganze Menge möglich macht. Als Carlo Clara wegen einer Zwei nicht tröstet, jammert sie: „Du bist doch mein Freund!“ Sein Geknutsche mit Julius lässt sie aber unkommentiert.

So greifbar Naomi, Alex und Leo selbst trotz aller Rätselhaftigkeit werden (denn auch das Leben erzählt sich fragmentarisch), so schablonenartig bzw. blass bleiben Clara, Wanne, Carlo und Julius. Was nicht an den Schauspielern liegt. Im Gegenteil: „Punk Rock“ bringt ein starkes Ensemble mit, mit Spielern, die eine so große Präsenz sowohl auf der Bühne als auch im Video entwickeln, dass sie die „Twin Peaks“-Stimmungsmusik gar nicht gebraucht hätten. Am Ende verliert sich die Inszenierung in ihren eigenen Mitteln; so reizvoll es auch ist, nicht nur die Bühne zu bespielen, so verschenkt wirkt es doch, wenn diese immer wieder (fast) leer bleibt. Und warum die Klarnamen?

„Ich hab’s getan, weil ich konnte“, sagt Alex über seinen Amok. Diesen Eindruck hatte man auch bei ein paar der Regieeinfälle.

Foto: Dave Großmann