Prolog zum Tanztreffen der Jugend 2018 – Das ist echt

Wir zeigen auf etwas und sagen: Das ist nicht echt.

Wir schütteln den Kopf und sagen: Das kann doch nicht wahr sein.  Es darf nicht wahr sein, dass.

Wir zeigen auf Freunde und sagen: Du bist nicht du selbst. Sei echter.

Wir legen dem einen sehr verliebten Freund eine Hand auf den Arm und sagen: Wie schön. Aber in echt ist er gar nicht so wunderbar.

Und dann zeigen wir auf unser emotionales Chaos und sagen: Ich hab alles im Griff. In echt bin ich aber besser in Form, besser frisiert und nicht so durcheinander. Können wir das Foto nochmal machen? Ich bin viel echter beim zweiten Mal.

Wir fühlen uns als würden wir träumen. Wie in einem Film. Wenn ein Schwarm blendend weißer Vögel vor Bergpanorama kreist. Wenn ein Kind wie in Zeitlupe von einer Bank fällt. Wenn eine Schauspielerin, die wir aus dem Fernseher kennen, am Hauptbahnhof ein Gleis sucht. Wenn wir uns so intensiv unterhalten haben, dass es kein draußen mehr gab, und dann plötzlich allein sind. Mit sehr viel Draußen.

Das ist alles nicht real. Reality-TV ist nicht real, und noch weniger, wenn ein Reality-TV-Star Präsident wird.

Nichts ist überhaupt real. Alles ist ein Bild im Internet, ein Videoschnipsel, ein für immer an den eigenen Anfang zurückspringendes GIF. Wir derealisieren, wir inszenieren uns selbst mit diesen Mitteln.

Und so zeigt das etwas, auf das wir zeigen, auf uns zurück und sagt: Selber nicht echt.

Das ändert nichts daran, dass wir recht haben. Die Bilder sind nicht echt. Die Bilder sind nicht alles, was passiert, sondern Ausschnitte. Echt ist aber, was wir dabei fühlen und manchmal, was am Anfang dieser Bilder steht. Dass Donald Trump Präsident ist, bleibt mit allen uns zur Verfügung stehenden Überprüfungsmitteln eine Tatsache. Es ist der Fall. Trotzdem legen wir aus dem Gefühl, dass das alles nicht wahr sein kann, die Erwartungen der Fiktion an diese Tatsache. Wenn schon nicht echt, dann bitte nach den vertrauten Mustern, heroe´s journey, Liebesgeschichte, Katastrophe, Happy End. Wir erwarten, dass Details später etwas bedeuten, dass sie sprechen, aber sie bleiben stumm. Das ist einfach Donald Trump mit einem rosa Osterhasen.  Es gibt keine Dramaturgie.

Vor allem erwarten wir ein Ende. Dass wir das Buch zuklappen können, dass Credits ins Bild fahren. Applaus, Applaus. Und danach sind wir wieder sicher. Vor Populismus oder dem Klimawandel. Zu sagen Das ist nicht echt heißt eigentlich Das wird enden.

Aber die Realität bleibt. Völlig unbeeindruckt.

Wie soll das enden ist die falsche Frage. Die Frage ist: Wie soll das weitergehen.